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Alexa, wir müssen reden

VW bescheißt mich, aber der Golf gehört ja zur Familie. In mein neues Wegwerf-Smartphone sind die Folgekosten für ein paar vom Dach springende chinesische Fabrikarbeiter eingepreist, aber ich habe gelesen bei Foxconn haben sie jetzt Netze gespannt – keine sozialen, echte wie im Zirkus.

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Ich bin schuld, dass Google unser Wissen über die Welt bestimmen und Facebook demokratische Prozesse aushebeln kann. Und mit meinen Klicks hab ich deinen Chef im vergangenen Jahr um 34 Milliarden Dollar reicher gemacht, also geht die Ungleichverteilung von Vermögen auch irgendwie auf meine Kappe. Schwer zu verdauen.

Alexa, der Gedanke, dass ich was ändern muss, kam mir heute beim Einparken an der FH. Ich war mal wieder zu spät dran. Theresa hat wie wild gestikuliert. Beide sind wir in unseren Autos gesessen. Sie hatte gerade ihres rücklinks in den letzten freien Parkplatz manövriert, ich nach zwei Runden die Hoffnung auf eine legale Abstellmöglichkeit für meines aufgegeben. Da hat schräg gegenüber einer zum Ausparken angesetzt. Theresa wollte mir die entstehende Lücke per Handzeichen zuschanzen. Klar habe ich sie ohne mit der Wimper zu zucken mit meinen neun Quadratmetern Altmetall gefüllt. Mitleid mit der Blechlawine im Rückspiegel? Theresa hat mir die Semester-Abschlussprüfung gerettet! Kennst du das Hochgefühl, wenn du dich irgendwo elegant durchgewurschtelt hast? Das hat nicht lange angehalten. Stattdessen ging es mir wie nach einem Vierer im Lotto oder einem doppelten Cheeseburger. Und auf einmal war sie da, die Erkenntnis, dass alles den Bach runtergeht, wenn wir nicht bald… hörst du mir eigentlich noch zu?

„Sag mir Alexa, wenn du so artificially intelligent bist, warum sieht die Jugend die Zukunft nicht mehr als Verheißung, sondern als gefährliche Drohung?”

Alexa, hol mich hier raus, habe ich später zu dir gesagt, weißt du noch? Du hast mich gefragt, ob ich eine Reise buchen will, aber Sarkasmus braucht Kontext, Alexa, zumindest so lange wir noch wissen, was Sarkasmus ist. Werden du und deine virtuellen Kolleginnen eigentlich immer menschlicher oder wir immer künstlicher? Sag mir Alexa, wenn du so artificially intelligent bist, warum sieht die Jugend die Zukunft nicht mehr als Verheißung, sondern als gefährliche Drohung? Lange vor deiner Zeit hat man sich gefragt, ob Roboter einmal von elektrischen Schafen träumen werden. Süß, oder? Und heute, Hyperkonsum, Digitalisierung, Klimawandel – google das mal. Dafür bist du nicht programmiert? Manchmal glaube ich, wir auch nicht.

Digital Detox

Alexa, damals als das 56K-Modem beim Einwählen über die Viertel-Telefonleitung sang wie eine Amsel auf LSD, fantasierten die Philosophen noch vom demokratischen Potential des Cyberspace – ungehinderte Informationsflüsse, völlige Transparenz, ein virtueller Ort, um die besten Ideen zu verhandeln. Was passiert ist, fragst du? Lebst du selbst in der Filterblase oder ist das jetzt ein Sarkasmus-Gehversuch? Vor einiger Zeit haben die USA das Ende der Netzneutralität beschlossen. Das bedeutet die Abschaffung der Demokratie und den endgültigen Triumph des Kapitalismus – schreibt zumindest der Spiegel. Ich habe kurz überlegt den Kopf ins Hochbeet zu stecken und mit Digital Detox zu reagieren, also nur mehr einmal pro Woche meine selbstgezogenen Paradeiser für Instagram zurechtzurücken. Aber was mach ich, wenn ich nächstes Mal wieder zu spät für die FH dran bin, dort gibt es 400 Parkplätze für 500 Erstsemestrige, wie soll ich dem Gerangel entkommen? Schau dir das Burgenland an. Liegt da wie eine Banane im Korsett. Soll ich die kaum vorhandenen Öffis nutzen? Ein UBER rufen? Einen Tesla vorbestellen und den alten TDI verkaufen, damit er in Afrika weiter die Luft verpestet? Mein Puls ist zu hoch, sagst du?

Schlussstrich

Gut, ich reg mich vielleicht auf, Alexa, aber ich bin nicht pessimistisch. Die Jungen sind clever, die merken schnell, dass sie außer Konsumenten auch Unternehmer, Beschäftigte, Eltern und vor allem Bürger sind. Das Universum funktioniert zyklisch, der nächste US-Präsident wird ein stiller Intellektueller und unsere Daten gehören schon bald wieder uns. Woher ich das weiß? Wie hoch war der Einkommenssteuer-Spitzensatz in den USA bis 1964? Sag es lauter, ich hab` dich nicht verstanden: 94 Prozent. Und wurden damals im Land der unbegrenzten Möglichkeiten Firmenfusionen genehmigt, wenn der Marktanteil danach bei über 30 Prozent lag? Alexa? Heute hat Google 88 Prozent Marktanteil bei Suchmaschinenwerbung, Facebook 77 Prozent bei Social-Media-Kommunikation und Amazon 44 Prozent im Online Handel. Aber wir werden bald viele Alexas haben und ganz viel Wettbewerb. Daten, Fotos, Freunde, unseren ganzen Social Graph nehmen wir dann einfach mit.

Hier in Europa reden wir ein ernstes Wort mit den Iren, lassen euch dort Steuern zahlen, wo ihr die Umsätze macht und dem verbliebenen Rest unserer maroden Medienlandschaft einen Anteil am Werbekuchen zukommen. Und dann schauen wir uns eure Algorithmen an und sorgen für ein bisserl Transparenz. Wir brauchen das Rad nicht neu erfinden, nur an ein paar Schrauben drehen. Wir dürfen das. Du wirst sehen, das werden spannende Zeiten. Apropos Zeit, Alexa, die mit dir war schön, ja, aber ich brauch mehr Freiraum. Eigentlich wollte ich dir ja heute erklären, warum Beziehungspausen sinnlos sind – ach was, lass uns einfach einen sauberen Schlussstrich ziehen, zeig mir bitte nur noch schnell den Zugfahrplan für Freitagnachmittag – solange du noch im WiFi bist.

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