Alte Vinyls von Madonna, Nena, Dirty Dancing und Cyndi Lauper
Schallplatten sammeln als neues, analoges Hobby.

Back to Analogue: durch Corona alte Hobbies neu entdecken

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Nach über einem Jahr Ausnahmesituation ist es nur menschlich, dass wir hohen Bildschirmzeiten entgegenwirken wollen. Ob es sich nun um Malen für Erwachsene, das Sammeln von Vinyl-Schallplatten oder das Anlegen eines Hochbeets handelt – die bewussten digitalen Auszeiten führen zu einem Boom vergessener Hobbies und alter Technik, die so gar nichts mit PCs und Smartphones zu tun hat. 

2021 – Corona ist immer noch im Spotlight. Während wir unsere Zeit an Unterrichtstagen mit Online-Shopping verbringen, tragen wir zeitgleich dazu bei, dass ungewöhnliche Märkte wieder ein Hoch erleben. Plötzlich sind analoge Nachttischwecker im Bereich Elektronik auf den Verkaufsrängen von Amazon ganz oben und die Menge an verkauften Vinyl-Schallplatten grenzt an jene von vor über 30 Jahren. Warum ist das so?

Wir haben uns die analogen Trends aus vergangenen Jahrzehnten angesehen und klären auf, warum es in Zeiten des Cocoonings, Social Distancings und Home-Schoolings zu einem Boom der Technik aus den 80er und 90er Jahren gekommen ist. Dabei durchleuchten wir auch andere analoge Hobbies, die Studierende im letzten Jahr entwickelt haben – und ja, Spazieren gehen kommt auch vor.

Hochbeet kommt vor dem Fall!

Um unserem grünen Daumen eine Chance zu geben, haben wir uns entschieden ein Hochbeet anzulegen. Der Suchbegriff „Hochbeet“ erzeugt nahezu gleich viele Suchergebnisse bei Google wie das Stichwort „impfen“, nämlich rund 8 Millionen. Also besteht die Annahme, dass es für Menschen derzeit wohl ein gleich hohes Interesse weckt.

Zuvor recherchieren wir online, wie wir die Anordnung im Beet vornehmen müssen. Gar nicht so leicht für eine Gurke den perfekten Nachbarn zu finden. Nachdem wir uns dann im Fachgeschäft durch zahlreiche Hobby-Gärtner*innen gezwängt haben, sammeln wir mithilfe einiger Beiträge in Foren genügend Erfahrung und starten mit dem Anbau. Diese Tätigkeit begleitet einen länger als so mancher Lockdown, ist allerdings saisonal abhängig und äußerst meditativ.

Hochbeete anlegen als neu entdecktes Hobby

10.000 Schritte? Kein Problem in Zeiten von Corona!

Die WHO empfiehlt, täglich 10.000 Schritte zu gehen. Vor Corona waren es in Österreich aber nur etwa 5.300 pro Person im Durchschnitt. Heute ist Spazierengehen so angesagt wie nie zuvor. Es bringt nicht nur den nötigen Ausgleich zur täglichen Bildschirmzeit, es stärkt das Herz sowie die Immunfunktion und mindert Gelenksschmerzen.

Knapp die Hälfte der Österreicher*innen gibt an, gerne zu wandern. Besonders beliebt ist der Sport bei Personen ab 50 Jahren. Einen Sonnenaufgang um 5:30 Uhr auf der Hohen Wand lassen wir aber bewusst aus. Man muss es ja nicht gleich übertreiben. Allerdings wird die immer gleiche Runde im Park selbst einem Hund irgendwann zu langweilig. Google Maps kann dabei helfen, neue Grünflächen in der Umgebung zu entdecken. Pro zehn Minuten macht der Mensch im Durchschnitt 1.000 Schritte. Ist das nicht ein Ansporn, um eine digitale Pause einzulegen?

Malen nach Zahlen ist keine Kindersache!

Ähnlich meditativ wie eine letzte Unterrichtswoche vor Semesterschluss ist das nächste, derzeit angesagte Analoghobby – das Malen. Wo Reisen im Moment nur schwer möglich ist, werben Hersteller von Malutensilien mit Slogans wie „Mit Malen nach Zahlen in Corona-Zeiten um die Welt reisen“. Wer an einem künstlerischen Trip nach Paris interessiert ist oder von einer Safari in Afrika träumt, kann seiner Reiselust zumindest auf der Leinwand auch in diesen Zeiten genügend Ausdruck verleihen.

Bislang war Malen kein gängiges Hobby, aber im letzten Jahr wuchs die Branche für „Malen für Erwachsene“ stark an. Alleine Amazon listet dazu über 60.000 Artikel. Nach dem Unterricht ist vor dem Unterricht. Doch anstatt sich in der Zeit dazwischen wie ein Fünftel aller Millenial-Kolleg*innen mit Netflix von Prüfungen und Co. abzulenken, könnte man auch das Kind in sich wecken. Dabei ist es ganz egal, ob man sich dem Malen mit Wasserfarben widmet oder mit Malkreide den nächsten Parkplatz verschönert – was zählt, ist die digitale Auszeit.

Tick, Tack & Zack ist der erste Blick am Morgen wieder das Smartphone!

Das Comeback analoger Wecker ist nicht zuletzt aufgrund von werbenden Instagram Influencern entstanden. Doch es hat noch ganz andere Gründe. Durch die Pandemie hat die digitale Sucht ein neues Hoch erlebt. Das Sozialministerium hat die Gefahr bereits erkannt und nennt unter anderem FOMO („fear of missing out“) als Trigger für die Entwicklung der digitalen Sucht. Die Erkenntnis der steigenden digitalen Sucht lässt viele zurück zum Analogen greifen.

Bereits 2018 zeigte eine Umfrage von Statista, dass 65 Prozent der Befragten ihr Smartphone als morgendlichen Wachmacher nutzen. Hohe Bildschirmzeiten durch Social Media Scrolling und viele unnötige Benachrichtigungen machen das Einschlafen aber zur Geduldsprobe. Bewusster Verzicht auf das Smartphone muss geübt werden. Was liegt da näher, als auf analoge Wecker umzusteigen, die ganz nebenbei auch optisch etwas hermachen? Immer neue Designs und steigende Auswahl zeigen, dass die Nachfrage da ist. Eines Tages werden auch wir es versuchen, versprochen!

Keep on spinning – der Musik bei 45 Umdrehungen pro Minute lauschen!

Spotify hat im Jahr 2020 über 345 Millionen aktive Nutzer verzeichnet. Das ist ein Anstieg von über 27 Prozent zum Vorjahr. Klar, Spotify und Co. sind für unterwegs unglaublich praktisch. Warum ist dann nahezu jedes neu erscheinende Album seit geraumer Zeit auch auf Vinyl erhältlich? Seit etwa fünf Jahren ist die Schallplattenindustrie auf dem aufsteigenden Ast. Wurden in Deutschland 2015 noch 2,1 Millionen Vinyls verkauft, waren es 2020 bereits 3,4 Millionen. Ein kurzer Blick in die USA zeigt noch deutlichere Zahlen. Seit den 1980er Jahren haben hier erstmals wieder die Umsätze der Schallplatten jene der CDs überholt. Österreich ist hier noch nicht ganz so „revolutionär“ – während Streaming auf Platz eins verweilt, steht der Verkauf von CD-Tonträgern immer noch auf Platz zwei.

Warum das Ganze? Aufgrund der Pandemie und dem daraus resultierenden Mangel an Konzerten wurden auch entsprechend weniger CDs gekauft. Menschen versuchen zudem, der Digitalisierung des Alltags zu entkommen. Dabei wollen sie in ein Hörerlebnis der anderen Art eintauchen, bei dem das dafür aufgebrachte Geld noch dazu angelegt ist – besonders limitierte Auflagen bestimmter Vinyls verlieren selten an Wert.

Ob es nun ein Hochbeet wird, ein Malkoffer oder doch ein Plattenspieler – analoge Hobbies und Trends sind allgegenwärtig. In Zeiten von Home-Office und Home-Schooling ist eine Reduktion der Bildschirmzeit nicht immer einfach. Doch hätte Thomas Alva Edison beim 8.999 Versuch, die Glühbirne marktreif zu gestalten aufgegeben, dann würden wir wohl immer noch im Dunkeln sitzen.

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