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Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Warum verschwendete Zeit nicht immer verschwendet ist. Ein Artikel von den Studentinnen des Bachelor-Lehrgangs Digitale Medien und Kommunikation der FH Burgenland.

 

Wer kennt es nicht: Es ist Abend, eine spannende Serie läuft, und obwohl man sich eigentlich entspannen will, kommt man einfach nicht zur Ruhe. Im Kopf schweben zahlreiche Gedanken umher, die scheinbar immer länger werdende To-Do-Liste, und man hört ständig diese kleine Stimme, die einem sagt, dass man eigentlich etwas anderes – etwas Produktiveres – tun sollte. Unsere Auszeiten verbringen wir heutzutage meistens mit diversen Schuldgefühlen und einem Verantwortungsgefühl, das sich nur schwer abschalten lässt. Denn so wie man sich vor Spinnen fürchten kann, gibt es auch die Angst davor, seine Zeit zu verschwenden. 

Was ist „verschwendete Zeit”?

„Verschwendete Zeit ist, wenn du etwas machst, das keinen Nutzen hat, weder für dich noch für jemanden anderen”, meint Florian, ein 22-jähriger Student der FH Campus Wien. „Wenn ich mir im Nachhinein auch denke, dass das vergeudete Lebenszeit war”, heißt es von Victoria (22). „Als ich mein Studium abgebrochen habe, waren schon so Gedanken da wie ‚ich habe so viel Zeit mit meinem alten Studium verschwendet, wenn ich geblieben wäre, hätte ich jetzt auch schon meinen Bachelor gehabt’”, so eine weitere Studentin.  „Wenn ich weiß, ich habe etwas zu tun, aber ich lege mich ins Bett und schaue YouTube-Videos für ein paar Stunden”, heißt es von mehreren Studenten. 

Was lenkt uns am meisten ab?

Das Handy und soziale Medien werden als die größten Hindernisse der Produktivität gesehen, und das von Menschen aus allen Lebenssituationen. „Diese kurzen Ablenkungen durch Handys. Wenn du zum Beispiel nur kurz auf Instagram oder YouTube schaust. Dort bleibt man einfach hängen. Das wäre für mich so ein typischer Fall von Zeitverschwendung”, meint Marco (19). Selbst das Schlafen wird von mehreren Befragten mit kritischen Augen betrachtet, denn schon mit nur einer Stunde weniger Schlaf pro Tag hätte man in der Woche ganze sieben Stunden produktiver einsetzen können. Neben dem Schlafen werden auch vergangene Beziehungen jeglicher Art genannt. „Im Nachhinein betrachtet gibt es Leute, die meine Zeit nicht wert waren, denen ich sie aber damals gegeben habe”, heißt es von einer Seite. „Im Falle, dass eine Beziehung einem Ende erlegen ist, ist diese im Nachhinein als verschwendete Zeit zu betrachten, da man danach ja keinen Nutzen mehr davon hat”, heißt es von einer anderen. 

Zeit ist sehr wertvoll

Verschwendete Zeit scheint somit Zeit mit einer negativen Auswirkung zu sein, oder Zeit, aus der man scheinbar keinen ersichtlichen Nutzen zieht. Verschwendete Zeit ist also jede Sekunde, die man verbringt ohne produktiv zu sein, eine gescheiterte Beziehung, oder das abgebrochene Studium. Aber wer sagt, dass verschwendete Zeit immer negative Auswirkungen haben muss? Zeitverschwendung kann uns trotz allem gute Ergebnisse, lehrreiche Erfahrungen und neues Wissen liefern. 

Zeit dominiert unsere Gesellschaft

Unser Umfeld und unser Lebenstempo werden immer schnelllebiger. Bereits 2007 konnte in einer Studie der University of Hertfordshire festgestellt werden, dass sich unser Lebenstempo seit 1990 um 10 Prozent erhöht hatte. Mit welcher Geschwindigkeit wir wohl heutzutage unser Leben leben? Ein weiterer deutlicher Zuwachs an Lebenstempo ist durchaus denkbar. Die Zeiten haben sich drastisch verändert: Wir befinden uns in einer reinen Arbeitsgesellschaft, wie Ameisen sehen wir das Leben durch die Brille der Produktivität. Aus diesem Grund wird unsere Gesellschaft immer schnelllebiger. 

Fortschritt erhöht die Geschwindigkeit

„Throughout history, the pace of life has always been fueled by the speed of communication”, so Alan Lightman in seinem Buch „In Praise of Wasting Time“.  

Die Fortschritte in der Kommunikationstechnologie haben viel Gutes bewirkt: Organisatorische, zeitliche und räumliche Grenzen können überschritten werden, die Produktivität am Arbeitsplatz konnte gesteigert werden, woraus Unternehmen laufend wirtschaftlich profitieren. Soziologe Hartmut Rosa ist der Ansicht, dass der Einsatz von Technik uns eigentlich dabei helfen sollte, Zeit zu gewinnen. In der Theorie erscheint dieser Ansatz logisch, jedoch sieht dieser in der Praxis anders aus: Die gewonnene Zeit wird sofort wieder aufgefüllt. Mit jeder neuen Technik, die dazu da ist, um uns die Arbeit abzunehmen oder diese schneller durchzuführen, entsteht neue Arbeit. Unsere Zeit betrachten wir daher fast exklusiv mit zielorientierten Augen. Es entsteht somit durch den technischen Fortschritt kein Zeitgewinn, sondern vielmehr eine Zeitnot. 

Lebenszeit ist nicht gleich Arbeitszeit

Zeit ist Geld, so sagt man. Verschwendet man Zeit, so verschwendet man automatisch sein Leben, so die Titel und Slogans zahlreicher Ratgeber. Die Auswirkungen dieser Einstellung machen sich jedoch nicht mehr nur im Kontext der Arbeitswelt bemerkbar. Unsere Gesellschaft strebt nach Produktivität in fast allen Lebensbereichen; Produktivität in der Arbeit, im Studium, zuhause, in der Freizeit, während seiner Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln und selbst in der Mittagspause. Zeit zum Faulenzen hat keinen Platz im Kalender, tut uns leid. 

Faul sein kann man lernen

Unsere Gesellschaft ist davon überzeugt, dass es etwas Negatives ist, wenn man seine Füße hochlegt und faul ist. Heutzutage ist es mit großem Aufwand verbunden, einfach einmal „Nichts” zu tun. Denn wir leben in einer Du-Musst-Gesellschaft von der wir uns nur schwer trennen können: Es muss nicht nur das schlechte Gewissen verdrängt werden, sondern auch diese kleine Stimme im Kopf ignoriert, die einem sagt, dass man eigentlich gerade etwas anderes tun muss. Uns fällt es mittlerweile immer schwerer abzuschalten und uns die Auszeit zu nehmen, die unser Geist und Körper braucht. Und das obwohl schon Personen wie Gabriel García Márquez, Charles Dickens, und Charles Darwin erkannt haben, dass ein entspannter Zeitplan von großem Vorteil sein kann. Sie arbeiteten fünf Stunden pro Tag oder sogar weniger. Angeblich brauchte Albert Einstein zehn Stunden Schlaf und Nickerchen auf den Tag verteilt. Und wofür sind diese Personen berühmt? Sicher nicht dafür, dass man sie als faul bezeichnet. 

Gefülltes Leben ≠ Erfülltes Leben

Martin Liebmann, Obmann des Vereins zur Verzögerung der Zeit, behandelt dies unter anderem in seinem Buch „Faul zu sein ist harte Arbeit“. Er beschreibt, dass Menschen regelrecht in Panik verfallen, seitdem sie wissen, dass sie über ihre eigene Zeit herrschen. Wir sehen Zeit als kostbares Gut an und entwickeln Strategien, um so wenig wie möglich zu versäumen. Diese Sichtweise hat laut Liebmann nur einen Haken. „Ein gefülltes Leben ist nicht automatisch auch ein erfülltes”, so der Autor. Ein voller Kalender mag zwar den Anschein sinnvoller Zeitnutzung erwecken, jedoch verspricht dieser weder Glück noch eine weise Nutzung der eigenen Zeit. 

Wie nutzt man Zeit am besten?

Um seine Zeit auf Erden sinnvoll zu nutzen, sollte man Liebmann zufolge auch innehalten können, seine Umgebung beobachten und diese auf sich wirken lassen. Nicht überraschend hat der Psychologie und zahlreichen Studien zufolge die unstrukturierte, von vielen als „verschwendet” betrachtete Zeit Einfluss auf unsere Kreativität und fördert das sogenannte „divergent thinking” (divergierendes Denken). Kat Cressida appelliert in ihrem TED Talk (2019), dass jeder Mensch die Zeit dazu hat, die Dinge zu tun, die er liebt. Die Zeit wäre da, wir müssen uns bloß erlauben sie uns zu nehmen. 

Zeit nehmen, nicht nur geben

Cressida geht in ihrem Vortrag auch auf die Wichtigkeit von regelmäßigen Auszeiten ein. Egal, ob von unserer Arbeit oder den Aufgaben, die wir uns noch zusätzlich aufhalsen. Studien zeigen in diesem Zusammenhang, dass es eine direkte Verbindung zwischen Auszeiten und besserer mentaler Gesundheit, weniger Stress und mehr Produktivität gibt. Wenn es um das „Nichtstun” geht, werden bei uns sofort Angst und Schuldgefühle hervorgerufen. Heutzutage ist das Arbeiten in den meisten Fällen einfacher als innezuhalten und sich auf seine eigenen Gedanken einzulassen. Denn im Gegensatz zum Arbeiten begegnet man sich beim Nichtstun selbst. Henry David Thoreaus berühmtes Selbstexperiment von 1845–47 ist ein zeitloses Beispiel für die genannten Aspekte. 

Ein spannendes Experiment

Thoreau zog an den Walden Pond in Massachusetts, um „mit Überlegung zu leben”, „dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten” und sich der Muße hinzugeben. Tag für Tag lebte er zwei Jahre lang in seiner selbst erbauten Hütte im Wald, meditierte, zeichnete Flora und Fauna auf, las viel und dokumentiere seinen Aufenthalt in seinem Tagebuch. Thoreaus „verschwendete” Zeit machte ihn zu einem anerkannten amerikanischen Schriftsteller und führte zu seinem berühmtesten Werk „Walden“. Bereits damals, im 19. Jahrhundert, war Thoreau der Meinung, dass die Gesellschaft zu schnell lebte. „Tatsächlich hat der arbeitende Mensch heute nicht mehr die Muße, sein Leben Tag für Tag wirklich sinnvoll zu gestalten. Wahrhaft menschliche Beziehungen zu seinen Mitmenschen kann er sich nicht leisten; es würde den Marktwert seiner Arbeit herabsetzen. Es fehlt ihm an Zeit, etwas anderes zu sein als eine Maschine“, meinte der Schriftsteller schon damals. 

Es gibt keine verschwendete Zeit

Es ist leicht, auf eine vergangene Zeit zurückzublicken und diese automatisch als verschwendet zu betrachten. „Zeit als verschwendet ansehen kann man sowieso erst im Nachhinein. Es ist unnötig sich darüber Gedanken zu machen, denn das ist eigentlich die verschwendete Zeit”, meint die 20-jährige Niederösterreicherin Alina. Vielleicht war das Resultat davon nicht das, was wir uns vorgestellt oder erwartet haben. Jedoch heißt das nicht, dass wir daraus keinen Nutzen ziehen konnten. Nicht, wenn wir die Zeit mit optimistischen Augen betrachten. „Ich finde, man sagt ein bisschen zu schnell, dass etwas Zeitverschwendung war. Alleine schon, wenn man meint, es hätte nichts zu seinem aktuellen Ich beigetragen. Aber ich finde, auch eben eine solche vermeintliche Zeitverschwendung kann dir persönliche Weiterentwicklung ermöglichen”, so Anke, eine 21-jährige Studentin aus dem Burgenland. 

Gute und schlechte Zeit

War vergangene Zeit wirklich ausschließlich schlecht oder hat sie auf längere Sicht zu unerwartetem Glück geführt? Aus jeder vergangenen Erfahrung kann man eine Lehre ziehen.  Manchmal ist es auch wichtig, das Dasein einfach zu genießen. Der gesellschaftliche Druck, jeden Moment zählen zu lassen, führt dazu, dass wir die stillen Momente – unsere Zeit der Entspannung und der Wiederaufladung – kaum schätzen oder genießen. Die Dinge, die uns Freude stiften, geraten durch unseren Zeitdruck immer weiter aus unserem Fokus. 

In der Ruhe liegt die Kraft” ist eine Weisheit, der jedoch die Gefahr droht, von unserer Gesellschaft vergessen zu werden. Wann hast du zuletzt etwas getan, das dir Freude bereitet? Zeit verbracht ohne ein Ziel zu verfolgen? Dich ungehemmt von Schuldgefühlen erholt? Falls dir die Antwort zu diesen Fragen schwerfällt, fordern wir dich auf: nimm‘ dir heute bewusst Zeit, um absolut NICHTS zu tun. Oder setze deine Energie dafür ein, etwas „Nutzloses“ zu machen, das dir aber Freude bereitet. Arbeit wird es immer genügend geben, aber Freude und Erholung gibt es nur, wenn man sich die Zeit dafür erlaubt.  

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