fbpx
TOP

Die ersten Studenten der Flüchtlingswelle

Die Universitätenkonferenz hat 2015 die „MORE“-Initiative ins Leben gerufen. Im Wintersemester 2017 studierten die ersten Flüchtlinge regulär an den österreichischen Hochschulen. Die zwei Studenten Mahdi und Reza geben einen Einblick in ihren Alltag und erzählen, welche Angst sie trotz geglückter Flucht Tag und Nacht verfolgt.

4
Minuten Lesedauer

Mahdi, 28 Jahre, und Reza, 26 Jahre alt. Zwei junge Männer mit einem gemeinsamen Schicksal. 2015 geflüchtet aus Afghanistan, über einen monatelangen Weg voller Hindernisse und Rückschläge. Mit einem einzigen Ziel vor Augen: eine friedliche Zukunft in einem Land mit Perspektiven.

"Die Studierenden brauchen einen geregelten Alltag. Dazu bieten wir diverse
Veranstaltungen und stellen ihnen einen Buddy für organisatorische Belange zur Seite."

Im Wintersemester 2015 wurde im Zuge der Flüchtlingswelle die MORE-Initiative von der österreichischen Universitätenkonferenz (uniko) ins Leben gerufen. Rund 663 Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan nahmen in Form eines außerordentlichen Studiums an ausgewählten Lehrveranstaltungen und Sprachkursen an 21 Universitäten teil. Der Fokus lag und liegt auf dem kostenlosen Angebot von Deutsch- und Sportkursen, ausgewählten Lehrveranstaltungen, welche die geflüchteten Studenten als außerordentliche Hörer besuchen können, sowie dem Zugang zu der Universitätsbibliothek. Um die Studierenden bestmöglich zu integrieren, ist das Projekt „More by Students“ der Österreichischen HochschülerInnenschaft (ÖH) entstanden. „Die Studierenden brauchen einen geregelten Alltag. Dazu bieten wir diverse Veranstaltungen und stellen ihnen einen Buddy für organisatorische Belange zur Seite“ erläutert Duy le Pham, freiwilliger Mitarbeiter der ÖH Salzburg und Mitorganisator der Initiative.

Auch Mahdi war einer dieser MORE-Studierenden. Doch das Vorhaben scheiterte an der Entfernung seines Wohnorts zur Universität und an den finanziellen Mitteln. „Ich konnte nicht immer aus Mondsee zur Uni fahren. Es dauerte zu lang und kostete zu viel Geld.“ Stattdessen besuchten Mahdi und Reza außerhalb des Angebots diverse Sprachkurse bis zum B2-Niveau und setzten parallel auf Selbststudium.

"In der Gesellschaft ist es oft schwierig. In der Uni ist die Atmosphäre aber besonders gut. Die Studenten sind offen und hilfsbereit."

Seit 2017 studieren die ersten Flüchtlinge regulär an den österreichischen Hochschulen. Auch Mahdi und Reza schafften den Sprung in die universitäre Laufbahn. Die beiden Männer studieren Informatik an der Universität Salzburg. Reza maturierte in Afghanistan und Mahdi schloss den Bachelor in Landwirtschaft und Gartenbau in seiner Heimat ab. Die Zeugnisse wurden von den Universitäten übersetzt und angerechnet. Trotzdem stellte sich die Inskription schwierig dar. „Es ist ein ganz anderes System. Ohne Unterstützung ist es schwierig“, erzählt Reza. Integration ist zweifelsfrei ein komplexes Thema, dass sie jedoch auch funktionieren kann, davon ist Mahdi überzeugt. „In der Gesellschaft ist es oft schwierig. In der Uni ist die Atmosphäre aber besonders gut. Die Studenten sind offen und hilfsbereit. Natürlich hat jeder seine eigene Meinung. Aber ich habe mich integriert und echte Freundschaften gefunden“, erläutert Mahdi.

"Es gelten dieselben Voraussetzungen wie für österreichische Studenten. Um Studienbeihilfe beziehen zu können, müssen nach dem ersten Studienjahr 30 ECTS nachgewiesen werden."

Auch der finanzielle Aspekt stellt selten ein Hindernis dar. Den geflüchteten Studierenden werden sämtliche Studiengebühren, auch der ÖH-Beitrag, erlassen. Zudem schaltet sich die Landespolitik in das Projekt ein: Von allen Linzer Studenten werden die Fahrtkosten übernommen. Ferner kann bei Nachweis eines positiven Asylbescheids Studienbeihilfe beantragt werden. „Es gelten dieselben Voraussetzungen wie für österreichische Studenten. Um Studienbeihilfe beziehen zu können, müssen nach dem ersten Studienjahr 30 ECTS nachgewiesen werden“, erklärt Sigrun Hechenberger, Leiterin der Stipendienstelle Salzburg.

Neben Informatik zählen Mathematik, Naturwissenschaft und Technik zu den meistgewählten Studienrichtungen. Dass das Potenzial der geflüchteten Studierenden später von den Unternehmen gesehen und durchwegs auch geschätzt wird, bestätigt Erich Müller, Vizerektor für Lehre der Universität Salzburg. „In den MINT-Fächern sind die Chancen für Absolventinnen und Absolventen auf berufliche Anstellungen sehr groß. Dies gilt ganz besonders im Bereich Digitalisierung.“

"Ich möchte eine Zukunft in Österreich. Ich kann nur weitermachen und sehen, was passiert."

Auch wenn die jungen Männer in Österreich Fuß gefasst haben und einem ordentlichen Studium nachgehen, bangen sie um ihre Zukunft. „Wir haben noch keine Aufenthaltsgenehmigung. Es kann also sein, dass wir wieder zurück nach Afghanistan müssen“, erzählen Reza und Mahdi. Eine Vorstellung, welche die Studenten nicht ruhig schlafen lässt. Reza versucht trotz alldem, das Positive an der Situation zu sehen: „Ich möchte eine Zukunft in Österreich. Ich kann nur weitermachen und sehen, was passiert.“

Teile deine Meinung mit uns