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ECTS: Punkte mit Ecken und Kanten

Unterschiedliche ECTS-Punkte für die gleiche Lehrveranstaltung oder gleiche ECTS-Punkte für einen unterschiedlichen Arbeitsaufwand. Sinn hinter ECTS war die Vereinheitlichung der Studiengänge. Aber icht immer konnte alles in der Praxis umgesetzt werden, bemängeln Studierende und Vertreter der ÖH.

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Sandra und Kristina werden gleich ihre Prüfung in „Lektürekurs Literaturwissenschaft Französisch“ ablegen. Sandra wirkt angespannt und murmelt Sätze auf Französisch vor sich hin. Ihre Prüfung wird schwieriger werden als Kristinas. Studierende, die Romanistik im Hauptfach studieren, bekommen für den Lektürekurs zwar sechs ECTS-Punkte, Lehramtsstudierende nur vier. Dafür werden die Romanistik-Studierenden aber auch mehr Arbeit in das Fach investieren müssen.

Eingeführt wurde das „European Credit Transfer System“ (ECTS) schrittweise ab dem Jahr 1989 im Rahmen des Bologna-Prozesses. Teil davon waren auch die ECTS-Punkte, wie sie Studierende, etwa Sandra und Kristina, betreffen. Ziel des Ganzen: die Vereinheitlichung von Studienabschlüssen innerhalb der EU. Vorher war nur die Zeit relevant, die Studierende in der Universität verbracht haben. Mit dem ECTS wurde festgelegt, dass der ganze Aufwand für den Studienabschluss mit berechnet wird: Ein ECTS-Punkt entspricht in Österreich 25 Arbeitsstunden. Somit ergeben sich für jedes Bachelorstudium 180 ECTS und für jedes Masterstudium 120 ECTS (mit wenigen Ausnahmen).

Das ECTS nimmt vor allem auf Studienabschlüsse wie Bachelor und Master Bezug. Wie die einzelnen Lehrveranstaltungen in den verschiedenen Studien gewichtet werden, hängt hingegen nicht allein vom ECTS ab, erläutert Erich Müller, Vizerektor für Lehre der Universität Salzburg. „Bei der Zuordnung von ECTS-Punkten zu Lehrveranstaltungen muss sowohl der Aufwand als auch die Stellung im Studienplan in Betracht gezogen werden“, sagt Müller. So kann es passieren, dass Lehramtsstudierende weniger ECTS-Punkte für dieselbe Lehrveranstaltung bekommen, wie es etwa bei Kristina und Sandra der Fall ist.

„Das hat immer viel Überzeugungskraft gebraucht“

Ähnliche Erfahrungen hat auch Peter Engel, Leiter des ÖH-Beratungszentrums an der Uni Salzburg, gemacht. Es hätte oft das Verständnis dafür gefehlt, warum man für eine Lehrveranstaltung sechs ECTS erworben hat, die in einem anderen Studium nur 1,8 ECTS wert sein soll. „Da hat es immer viel Überzeugungskraft gebraucht“, sagt Engel. Um das Problem zu lösen, wurde an der Universität Salzburg 2014 ein Rahmencurriculum eingeführt. Müller spricht sich für die Rahmencurricula aus: „Sie ermöglichen es, Studien innerhalb der Universität zu vergleichen.“ Die Rahmencurricula sind laut Müller für die Gestaltung der Bachelor- und Masterstudien verbindlich.

Doch Probleme gäbe es weiterhin innerhalb einzelner Studiengänge, etwa im Bachelorstudium Kommunikationswissenschaft. Studienvertreter Manuel Gruber sagt: „Hier bekommen Studierende für die Vorlesung „Medienrecht“ gleich viele ECTS, wie für das Proseminar „Quantitative Methoden“, welches aufwendiger ist. Engel weist darauf hin, dass die ECTS-Punkte nicht unbedingt dem Aufwand entsprechen: „Wenn jemand vier ECTS erworben hat, heißt es nicht automatisch, dass er auch hundert Stunden investiert hat.“

Ein weiteres Problem sieht Engel in der Anrechnung von Studienleistungen: „Es ist leichter, sich ausländische Studienleistungen anrechnen zu lassen als inländische.“ Dem widerspricht Klaus Lojka, Studienprogrammleiter des Fachbereichs Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien. „Laut dem Universitätsgesetz 2002 können nach Auslandsaufenthalten oder dem Wechsel zwischen inländischen Universitäten mehr ECTS-Punkte vergeben werden als es im Curriculum vorgesehen ist. Das kommt bei Prüfungsanrechnungen aus dem Ausland häufiger vor. Deshalb scheint es oft so, als wäre es einfacher, sich ausländische Prüfungen anrechnen zu lassen“, sagt Lojka.

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