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Essen für Studierende: Wie du ohne Geld satt wirst

Das Klischee vom armen Studenten wird besonders in Zeiten steigender Mietpreise wieder zunehmend Realität. Am Ende wird meistens da gespart, wo es scheinbar nicht weh tut: beim Essen. Doch kann man sich auch gut ernähren ohne Geld für Lebensmittel auszugeben? Hier der einwöchige Selbstversuch:

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Mit einer dunkelgrünen Paprika fängt alles an. Es ist Montagmorgen, 9 Uhr. Der Steinboden quietscht unter meinen Schuhsohlen während ich die hell erleuchteten Gänge der naturwissenschaftlichen Fakultät in Salzburg entlang laufe. Meine Finger umschließen das leicht lätscherte Nachtschattengewächs, das ich von zuhause mitgenommen habe. Grün ist nicht gerade meine Lieblingssorte. Deswegen musste dieses Exemplar auch schon einige Tage an der Rückwand meines Kühlschranks verweilen. Mein Plan ist es, den unerwünschten – wenn auch noch essbaren – Kühlschrankbewohner gegen etwas Besseres einzutauschen. Gleichzeitig will ich eine der vielen Möglichkeiten testen, um an kostenloses Essen zu kommen.

Ab Montagabend startet mein einwöchiges Selbstexperiment. Die Regeln dafür sind einfach: Eine Woche lang landet nichts auf meinem Teller, wofür ich selbst Geld ausgegeben habe. Die einzige Ausnahme stellen Produkte wie Gewürze oder Öl dar. Die Antwort auf die Frage, wie das überhaupt funktionieren soll, lautet: Foodsharing.

Mittlerweile hat sich diese Initiative zur Lebensmittelrettung von Deutschland bis nach Österreich und in die Schweiz ausgebreitet. Es gibt den Verein Foodsharing e. V. und die dazugehörige Website. Hinter beidem steckt die Idee, noch essbare Lebensmittel vor dem Ende in der Mülltonne zu bewahren. Einerseits kann jeder, der Essen übrig hat, über die Internetplattform Abnehmer finden, indem er eine interaktive Karte aufruft. Andererseits versuchen die festen Mitglieder, Kooperationen mit Betrieben zu schaffen. Dadurch können etwa Restaurants und Supermärkte guten Gewissens ihre Reste in seriöse Hände geben. Somit reduzieren sie nicht nur ihre Abfallmenge, sondern machen gleichzeitig auch noch Menschen satt.

Um dem Begriff des Sharings auch wirklich Folge zu leisten, nehme ich die Paprika als Quasi-Erst-Einsatz mit. Schließlich werde ich in der kommenden Woche des Öfteren von den sogenannten Fairteilern profitieren. So heißen die Kühlschränke, die an öffentlich zugänglichen Plätzen stehen und den Essens-Teilern als eine Art Austauschort dienen.

Der Kühlschrank ist wie eine Schatztruhe

Noch eine Glastür, dann steht einer von diesen Fairteilern vor mir. Wie eine Schatztruhe, bei der man nicht weiß, welche Kostbarkeiten sie enthält. Mein Herz schlägt schneller, während ich zur Kühlschranktür greife. Was werde ich finden? Einen Apfel? Karotten? Vielleicht sogar eine Schoki? Leer. Na toll. Ist mein Vorhaben vielleicht doch zu ambitioniert gewesen?

Laut einer aktuellen Studie fallen allein in Österreich pro Jahr rund 380.000 Tonnen vermeidbarer Lebensmittelmüll an, wobei Landwirtschaft und Produktion noch von dieser Rechnung ausgenommen sind. Ein großer Teil der Lebensmittel wäre eigentlich noch essbar. Deshalb versucht eine bunte Aktivismus-Kultur der Verschwendung entgegenzuwirken. Neben den Foodsharern gehören auch die sogenannten Mülltaucher bzw. Dumpster-Diver zu diesem Kreis. Letztere ziehen nach Ladenschluss – mit Gummihandschuhen und Stirnlampen ausgerüstet – um die Häuser und suchen in den Abfallcontainern von Supermärkten nach essbaren Lebensmitteln.

Damit ich mein Experiment nach der anfänglichen Pleite nicht schon am nächsten Morgen abbrechen muss, habe ich mich mit Lukas verabredet. Der 28-jährige Salzburger geht schon seit mehreren Jahren regelmäßig auf Dumpster-Tour und hat sich bereit erklärt, mich heute mitzunehmen.

Ist Mülltauchen illegal?

Es ist mittlerweile dunkel geworden. Während ich mein Fahrrad um die Ecke eines Supermarktes schiebe, kommt mir der blonde Mann mit Henriquatre-Bart und freundlichem Blick entgegen. Nach einer schnellen Begrüßung führt er mich zur Hinterseite des Gebäudes, wo die Tonnen schon abholbereit am Straßenrand stehen. Dort wartet noch Paul, ein Kumpel von Lukas. Zusammen wollen sie heute ein Video für ihren Workshop drehen.

"Dumpstern liegt rechtlich gesehen im Graubereich. Wir brechen nirgendwo ein, wenn wir hier einfach nur die Mülltonne am Straßenrand aufmachen."

Und ich dachte immer Mülltauchen sei illegal? Doch Lukas beschwichtigt: „Dumpstern liegt rechtlich gesehen im Graubereich. Wir brechen nirgendwo ein, wenn wir hier einfach nur die Mülltonne am Straßenrand aufmachen.“ Müll gilt laut österreichischem Recht eigentlich als herrenlose Sache. In Salzburg gehört er jedoch der Stadt. Schlechte Erfahrungen mit der Polizei oder den
Supermarktbesitzern hat Lukas aber noch keine gemacht. Man dulde sich eben, solange alles ordentlich hinterlassen wird.

„Na dann mal los“, denke ich mir und öffne die erste Biotonne. Bei all meinen romantischen Erwartungen an das Lebensmittelretten hätte ich beinahe vergessen, dass ich es trotzdem noch mit Müll zu tun habe. Die Realität schlägt mir sogleich in Form eines leicht säuerlichen Gäraromas entgegen. Hier wurde wohl schon länger nichts mehr entleert und die Mittagshitze hat anscheinend
ihren Teil beigetragen. Trotzdem sehen die oberen Schichten noch nicht vergammelt aus. Wir erbeuten mehrere Packungen Suppengemüse-Mix, ein Paar Radieschen und sogar Spargel.

Der darauffolgende Tag beginnt mit einer ernüchternden Mahlzeit. Wir haben die sehr erfolgreiche Tour gestern letztlich nur beendet, weil der Fahrradanhänger randvoll mit Lebensmitteln war. Trotzdem merke ich, dass sich die essbaren Fundstücke nicht wirklich fürs Frühstück eignen. Ein wenig enttäuscht zermatsche ich mir vier Bananen und tauche immer wieder ein Stück Semmel darin ein. Heute will ich den zweiten Versuch beim Foodsharing starten. Doch diesmal bin ich besser vorbereitet.

Mit einem Online-Quiz zur Abholerin

Ich begleite Patricia, eine Studentin aus Salzburg, bei ihrem wöchentlichen Abholdienst. Sie ist mittlerweile seit einem Jahr als Foodsharerin aktiv und darf somit das Essen von den einzelnen Betrieben abholen. Um diese Position zu erreichen, musste sie erst ein Online-Quiz auf der Webseite bestehen. Danach ist man quasi festes Mitglied und kann sich für einen bestimmten Wochentag und Betrieb einteilen lassen. Im Vergleich zum Dumpstern läuft dieses Mal alles deutlich unspektakulärer, aber auch sauberer ab. Wir kommen mit einer leeren Transportkiste zu dem Betrieb, sortieren schlechtes Essen aus und nehmen das mit, was wir für zuhause benötigen. Den Rest bringen wir zu den Fairteilern. Damit nun auch andere Bescheid wissen, dass es etwas zu holen gibt, postet Patricia noch schnell ein Foto in eine Facebook Gruppe. Jetzt verstehe ich auch, warum der Kühlschrank am Montag leer war. Man muss sich immer ein bisschen nach den Befüllungs-Zeiten richten, ansonsten wird eher selten etwas reingelegt. Glücklich kann ich den Heimweg mit mehreren Fertigsuppen, Sandwiches und zwei Milchbrötchen antreten. Mit dem so gesammelten Wissen bestreite ich den Rest der Woche weitestgehend wohlgenährt und zufrieden. Sobald das Essen ausgeht, gehe ich wieder zum Foodsharing oder schaue online nach, ob einer der Kühlschränke befüllt wurde. Ich führe plötzlich ein Jäger- und Sammler-Leben. Bei all den bunt  zusammengewürfelten Zutaten wird meine Kreativität am Herd mehr herausgefordert. Das viele Brot eignet sich super für eine schmackhafte Brotsuppe, den Spargel bereite ich mit Kartoffeln und Salbei-Butter zu und die Bananen werden zu Palatschinken weiterverarbeitet. Dazu gibt es gemischten Salat in rauen Mengen. Nur einmal am Wochenende, als es kein Essen zu holen gibt und sogar mein zweiter Dumpster-Ausflug kläglich scheitert, wird es ein wenig knapp. Deshalb muss ich mich dann doch zu einer  Kompromisslösung entschließen und zwei Freunde fragen, ob sie Lust haben, mit mir Semmelknödel und Pilz-Soße zu kochen. Außer Eiern und Milch kann ich alle Zutaten aus meinen gesammelten Vorräten mitbringen. Diese reichen am Ende sogar noch für eine große Schüssel Salat. Manchmal braucht es eben auch Kreativität und die richtigen Freunde, um kostenlos zu essen.

Wieder Montag. Wieder 9.00 Uhr. Ich kann es nicht glauben. Vor einer Woche habe ich aufgehört Geld für Essen auszugeben. Es hat funktioniert. Jetzt stehe ich wieder im Supermarkt und überlege, was ich für heute Abend einkaufen soll. Ein wenig traurig macht es mich schon. Das Gefühl sich etwas Kreatives einfallen lassen zu müssen, weil man nur bestimmte Lebensmittel bekommen hat, das Gefühl den Tag wie ein Jäger zu beginnen, der auf die Pirsch geht, das Gefühl einen nennenswerten Beitrag zur Lebensmittelrettung leisten zu können. All das wird jetzt wieder vom Alltag eingeholt. Von ewigen Rabattaktionen und langen Warteschlangen. „Heute noch Resteessen und dann ist es vorbei“, denke ich, während ich einen Kirsch-Joghurt aus dem Regal nehme. 70 Cent. Na toll.

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