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Gleiche Chancen für alle?

(Un-)Faire Prozesse bei der Praktikumsvergabe

Für einen Großteil der österreichischen Fachhochschul-Studierenden beginnt zu einem gewissen Zeitpunkt der Kampf um die heiß begehrten Praktikumsplätze. Alle möchten bei ihren Aufnahmegesprächen glänzen und polieren noch einmal ihren Lebenslauf und das Motivationsschreiben auf. Die Bewerbungen gehen raus, die Absagen trudeln ein. Der Hauptgrund für eine Nicht-Einstellung ist das Fehlen der praktischen Erfahrung im Feld des Studienfachs. Nur, wo soll nach zwei Jahren Bachelorstudium genau diese Erfahrung herkommen? Wir haben Bachelor-Studierende gefragt, wie ihr Weg zum Praktikum aussah, und auch bei Personalabteilungen vorbeigeschaut. Dabei haben wir große Unterschiede festgestellt.  

Der Prozess ist nie gleich

Als Neuling in der Karrierewelt dauert es oft lang, bis man sich einen Überblick über den Markt geschaffen hat. Wo soll ich mich bewerben? Was will ich überhaupt genau tun? Wo habe ich die besten Chancen, genommen zu werden? Nach einer Recherche im Internet werden die ersten potenziellen Arbeitgeber ausgefiltert. Je mehr Bewerbungen, desto mehr Antworten bekommt man. Unter einigen Absagen befinden sich auch Einladungen zum persönlichen Kennenlernen, zu ersten Gesprächen am Telefon oder in Assessment-Centern. Man merkt also schnell: Der Bewerbungsprozess ist in jedem Unternehmen unterschiedlich und die Anforderungen können einen hohen Aufwand mit sich bringen. 

Wie sehen das die BewerberInnen?

Als BewerberIn für ein Praktikum ist die wichtigste Tugend Geduld. Oft lassen sich die Personalabteilungen der Wunsch-Firmen lange Zeit, bevor sie antworten. Dies raubt den Bewerbern und Bewerberinnen die letzten Nerven, denn das Praktikum muss absolviert werden, um das Studium abschließen zu können.  

Laura (22) studiert Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der FH Burgenland und erzählt von ihren Erfahrungen: „Als endlich meine erste Einladung zu einem Bewerbungsgespräch per E-Mail kam, war ich voller Tatendrang und wollte unbedingt einen guten Eindruck hinterlassen. Schon vorab habe ich alles über den potenziellen Arbeitgeber recherchiert was ich finden konnte und habe alle Informationen förmlich eingesaugt. Einen Tag vor meinem Interview wurde mir allerdings mitgeteilt, dass die Stelle bereits an einen anderen Bewerber vergeben wurde. Da habe ich mich ziemlich unfair behandelt gefühlt, man hätte mich auch gar nicht zu einem persönlichen Kennenlernen einladen müssen. Schlussendlich habe ich aber noch einen passenden Job gefunden.”  

Fehlende Erfahrung ein häufiger Grund

Nicht nur einmal habe ich gehört, dass mir aufgrund meiner fehlenden Erfahrung leider abgesagt werden muss”, berichtet Thimo (24), Public-Management-Student an der FH Campus Wien. „Ich bin der Meinung, ich hätte auch ohne Erfahrung genug Potenzial, um im Zuge des Praktikums zu lernen und zu wachsen. Oft genug habe ich diese Chance nicht bekommen. Gerade bei einem Praktikum sollte ich die Möglichkeit haben, Erfahrung zu sammeln, um danach leichter ins Berufsleben einsteigen zu können. Nach gefühlt 50 Absagen habe ich aber dann mein Traumpraktikum gefunden.” Thimo hat eine Anstellung bekommen, die ihm ermöglicht hat, seine Kompetenzen zu erweitern und ein gutes fachliches Fundament für die Zukunft zu legen. „Verdient habe ich viel weniger als meine Kolleginnen und Kollegen, aber schon beim ersten Interview habe ich gemerkt, es kommt nicht darauf an was du schon kannst, sondern was du bereit bist zu lernen.”  

Absagen sind sehr häufig

Aufgrund der breit gefächerten Studiengänge könnte man meinen, den Studierenden stünden alle Türen offen und die Möglichkeiten an Berufsfeldern seien nahezu endlos. Aus Arbeitgebersicht fehlt oft die Tiefe in der Ausbildung und die Absage erfolgt mit der Begründung: „Nach ausführlicher Prüfung Ihrer Unterlagen bedauern wir sehr, Sie darüber informieren zu müssen, dass wir Bewerbungen erhalten haben, die unseren Anforderungen noch etwas genauer entsprechen. Daher können wir Ihre Bewerbung im weiteren Prozess leider nicht berücksichtigen.” Unterhält man sich mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Studium, lässt sich schnell feststellen, dass die Prozesse für die Bewerbungen nicht miteinander vergleichbar sind.  

Der Prozess aus Unternehmenssicht

Bei uns bewerben sich jährlich ungefähr 15 Studierende für ein Praktikum im Sommer”, erzählt Julia (26) aus der Personalabteilung einer Werbeagentur in Wien. „Oft ist es schwer, den Anforderungen der FHs und Unis gerecht zu werden. Manche Praktika dauern ein Monat, manche vier. Einige müssen im Sommer ein Praktikum machen, andere haben dafür das Wintersemester zur Verfügung. Daher ist es oft nicht möglich, allen Bewerberinnen und Bewerbern ihre Wunschtermine und -positionen zu ermöglichen.”  

Stefan (43) ist schon seit fast 20 Jahren in der HR-Abteilung einer Bank tätig. Für den Sommer bewerben sich jährlich mehrere hundert Studierende in allen möglichen Abteilungen des Unternehmens. „Um die besten herauszufiltern sind wir auf ein mehrstufiges Assessment-Center angewiesen”, erzählt er uns. Praktika in einem Unternehmen dieser Größenordnung sind äußerst beliebt bei jungen Jobsuchenden, da die Chance, nach dem Praktikum eine Festanstellung zu bekommen, sehr groß ist. „Wir wissen natürlich, dass alle ein Praktikum brauchen, allerdings können wir aufgrund unserer personellen Ressourcen nur die nehmen, die das Assessment-Center mit besten Bewertungen bestehen, damit die Praktikantinnen und Praktikanten optimal betreut werden können.”  

Das lange Warten auf Antworten

MitarbeiterInnen aus Personalabteilungen betonen, dass lange Wartezeiten natürlich bestmöglich vermieden werden, leider ist der Andrang aber sehr groß und die Durchsicht der Bewerbungen nimmt viel Zeit in Anspruch. Natürlich spielt auch die bereits gesammelte Erfahrung eine große Rolle, denn hat eine Bewerberin oder ein Bewerber schon in der Branche gearbeitet, können gewisse Tätigkeiten übergeben und Grundverständnis vorausgesetzt werden. Dass ein Praktikum aber dazu dient, um Neues zu lernen und sich Wissen anzueignen, sind sich die beiden einig: „Wir bieten diese Stellen ja nicht an, um mit billigen Arbeitskräften die Urlaubszeit der restlichen Belegschaft zu kompensieren. Das Vergeben von Praktikumsstellen bedeuten auch viel Arbeit unsererseits, deswegen wollen wir nur die besten für unser Unternehmen!” 

Wie läuft ein Assessment-Center ab?

Lohnt sich der Aufwand? Ulli (24) absolvierte vor zwei Jahren das aufwendige Aufnahmeverfahren bei seinem derzeitigen Arbeitgeber, einem Technologieunternehmen in Niederösterreich. „Alles in allem habe ich knapp 20 Stunden in die Bewerbung investiert.” Der Prozess begann schon Wochen vor der Teilnahme. Um zu beweisen, was in ihm steckt, musste Ulli eine Werkproben-Mappe erstellen, die ihm überhaupt erst eine Einladung ermöglichte. Am ersten Tag lernten sich die Bewerberinnen und Bewerber vor Ort kennen und absolvierten nach einer Vorstellungsrunde einen schriftlichen Test. Hier waren sowohl Kreativität als auch logisches Denken gefragt. Nach einer kurzen Pause gab es eine Aufgabenstellung, die in Kleingruppen bearbeitet und nach zwei Stunden Vorbereitungszeit präsentiert werden musste. „Am Ende des ersten Tages sind von 20 Personen nur noch acht übriggeblieben.” Ulli war einer davon.  

Der zweite Tag begann mit einer Reihe von Rollen- und Teamwork-Spielen zusammen mit den anderen Bewerberinnen und Bewerbern. Hierbei ging es vor allem um die sozialen und persönlichen Eigenschaften der potenziellen Praktikantinnen und Praktikanten. Der letzte Teil der Aufnahme war ein persönliches Gespräch mit der Personalabteilung und einem technischen Team-Lead am dritten Tag. „Das war das Spannendste und gleichzeitig Herausforderndste an dem gesamten Prozess”, erzählt Ulli. Es wurde sowohl über seine Leistung während der vergangenen Tage gesprochen als auch über seine Motivation, seine Begeisterung für das Themengebiet und seine Persönlichkeit. Ob es sich gelohnt hat? Ulli wurde direkt nach seinem dreimonatigen Praktikum eine Fixanstellung angeboten. Er kann uns diese Frage mit einem ganz klaren „Ja“ beantworten.  

„Meine Tante kennt da wen.“

Connections sind alles, egal in welchem Lebensbereich. Das wissen wir alle und die, die keine haben, stehen irgendwie alleine da. Xaver (23) studiert Architektur an der TU Wien. Beide Eltern, deren Geschwister und sogar sein Großvater sind allesamt Architekten. Bei der Suche nach einer Praktikumsstelle tut er sich besonders leicht. Während der letzten vier Jahre war er in verschiedenen Architekturbüros in seiner Heimatstadt Rosenheim in und München tätig und konnte unterschiedliche Eindrücke und Erfahrungen sammeln. „Natürlich bin ich mir bewusst, dass ich einen riesigen Vorteil gegenüber anderen habe, aber wieso sollte ich meine Kontakte nicht nutzen und mir mühsam eine andere Stelle suchen?”  

Auch für Xavers Zukunft ist gesorgt: Sobald er seinen Abschluss gemacht hat, bekommt Xaver eine Fixanstellung in einem Büro in Wien, welches der besten Freundin seiner Tante gehört. Der Neid seiner Kommilitonen ist groß, doch sind wir uns ehrlich – Wer würde zu so einer Gelegenheit „Nein“ sagen?  

 

von Kopecky, Novakovics

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