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Google sagt ich kann nicht schreiben

Die Story passt, aber du musst sie noch überarbeiten“, sagt die Kollegin am Telefon, die meinen Beitrag für das Sofa-Magazin im Word Press Korrektur gelesen hat: „Du weißt schon, wegen SEO.“ 

5
Minuten Lesedauer

Nun muss man wissen, dass der Autor dieser Zeilen, nicht mehr der Allerjüngste ist und auf jahrelange Erfahrung im Journalismus zurückblicken kann. Er (Oh Gott, jetzt spreche ich schon in der dritten Person von mir!) hat es in seiner Karriere immerhin zum Ressortleiter einer Tageszeitung gebracht und zum Chefredakteur einer Fachzeitschrift. Wenn ich (bleiben wir am Boden ;-)) nicht gerade studiere oder Beiträge fürs Sofa-Magazin verfasse, bekomme ich Geld dafür, dass ich journalistische Texte schreibe oder Texte anderer redigiere.

Wenn ich also etwas kann, dann schreiben. Das jedenfalls hätte ich bis zu eben jenem eingangs erwähnten Telefongespräch geglaubt. Um ehrlich zu sein, hab ich mich zunächst sogar geärgert. Ein Algorithmus will mir sagen, wie ich schreiben muss! Als nächstes auch noch was ich schreiben soll. Und dann übernimmt gleich der Computer meinen Job. Und überhaupt: Wieso hinterfragen die jungen Leute (sorry Steffi ;-)) so etwas nicht kritisch, sondern sind dem Algorithmus scheinbar hörig? Wenn Google oder irgendein Software-Entwickler, der dieses Tool für Word Press konzipiert hat, sagt, der Text gehört überarbeitet, dann gehört er überarbeitet. So einfach ist das. Von wegen! Sicher nicht, denke ich. Das kann’s nicht sein!

Die bittere Wahrheit

Freilich folge ich dennoch brav, wenn auch widerwillig, und log mich nochmal ins Word Press ein. Einige Aspekte meiner Story wissen durchaus auch dem System zu gefallen, was es mit grünen Punkten honoriert. Nur fünf Prozent meiner Sätze enthalten passive Sprache und damit sogar weniger als verlangt. 40 Prozent enthalten ein „transition word“, „which is great“, wie mir „Yoast SEO“ sagt. Ein gutes Gefühl.

Aber bei der Readability steht es schwarz auf weiß und dazu noch mit roten Punkten untermauert, sodass es jeder Administrator gleich sehen kann: 25,7 Prozent meiner Sätze sind zu lang! Obendrein hat eine Textpassage mehr als 300 Wörter, da gehört ein Zwischentitel rein. Mit anderen Worten: Mein Text ist ziemlich scheiße. Nicht lesbar. Sollten wir ihn so veröffentlichen, gehört er von der Suchmaschine abgestraft.

Ich zähle neuerdings Wörter

Die Software hat doch keine Ahnung, denke ich. Schreiben ist eine Kunst. Und Kunst kann man nicht messen und statistisch auswerten. Freilich hat mich längst der Ehrgeiz gepackt und – gemischt mit einer ordentlichen Portion Neugier – dazu animiert, alles zu versuchen, um die Ampel auf Grün zu stellen. Apropos: Dieser letzte Satz ist doch tadellos, um nicht zu sagen wunderbar, oder? Das System würde ihn jedoch beanstanden. Mehr als 20 Wörter in einem Satz sind unerwünscht, nicht gut zu lesen. Was auf viele meiner Sätze zutrifft, wie ich nun weiß. Und dieser hier besteht gleich aus 26 Wörtern. „Freilich hat mich längst der Ehrgeiz gepackt und – gemischt mit einer ordentlichen Portion Neugier – dazu animiert, alles zu versuchen, um die Ampel auf Grün zu stellen“.

Versuchen wir nun, den Anforderungen des Systems Genüge zu tun: „Freilich hat mich längst der Ehrgeiz gepackt. Ich versuche alles, um die Ampel auf Grün zu stellen.“ Pfeif auf die Portion Neugier, den Einschub und darauf, dass ich animiert wurde. „Freilich hat mich längst der Ehrgeiz gepackt. Ich versuche alles, um die Ampel auf Grün zu stellen.“ Das gefällt dem Algorithmus. Zugegeben, es liest sich in der Tat einfacher, ins literarische Quartett schaff ich es damit freilich nie.

Wie im Rausch

Derart gehe ich nun Absatz für Absatz durch, kürze Sätze, formuliere sie mitunter um und versetze Zwischentitel – alles so, wie es das System wünscht. Eine Herausforderung. Die Ampel bleibt zunächst hartnäckig auf Rot. Aber dann: Plötzlich wird sie zumindest orange! Ich bin jetzt voll motiviert, bereit alles zu tun, um eine Freigabe zu erhalten. Dieser letzte Satz („Ich bin jetzt voll motiviert,…“) hat übrigens 14 Wörter, das ist ok. Ja, ich zähle neuerdings wieder Wörter. So wie einst in der Schule, als bei Deutschschularbeiten die Textlängen vorgegeben wurden. 

Bei besagtem Artikel fand ich schließlich noch einen Satz mit 21 Wörtern – ein Skandal! Beinahe willkürlich streich ich eines weg. Hauptsache kein Verb. Ich befinde mich längst in einer Art Spielrausch, kämpfe verbissen um Punkte. Grüne Punkte, wohlgemerkt. Und siehe da: Ich hab‘s geschafft. Endlich. 

Nach all der Mühe bekomme ich nun zwar grünes Licht, insgesamt aber einen Score von 55,6, „which is considered ziemlich schwer to read“. Das steht tatsächlich genau so da – und so jemand will mir sagen, wie man gut schreibt!

Egal, ich gebe zu, ich bin nicht mehr der Alte. Zähle Wörter. Schreibe Sätze. Kurze Sätze. Solche, die mitunter gar keine Sätze mehr sind. Und ich bin süchtig nach grünen Punkten. By the way: Es ist Zeit für einen Zwischentitel, sagt mir mein Computer. Also bitte: 

Demütig geh ich zu Bett

Spaß beiseite: Als ich gegen Mitternacht meinen Text überarbeitet habe, werde ich tatsächlich nachdenklich: Wer sagt, dass ich g’scheiter bin wie der Computer und besser weiß, was Leser wollen? Vielleicht hat ja doch der Algorithmus Recht. Wir Journalisten neigen ja dazu, abzuheben, pseudo literarische Ergüsse inklusive. Damit ist schon Sprachpapst Wolf Schneider hart ins Gericht gegangen. Jetzt tut es eben Google. „In der Kürze liegt die Würze“, sagt auch Steffi. Zu einfach wird’s dann aber auch langweilig, denke ich. Vielleicht liegt die Wahrheit ja in der Mitte und man sollte sehr wohl auch kompliziertere Sätze einstreuen und mit der Sprache ein wenig spielen, dies allerdings in Maßen (Mist, 28 Wörter – ein Rückfall!).

Dennoch muss ich anerkennen, dass uns die Software in einem Punkt haushoch überlegen ist: Sie hat kein Ego. Demütig geh ich zu Bett. Vielleicht bin ich jetzt doch ein Stück weit ein besserer Schreiber als noch heute Morgen, als ich aufgestanden war (19 Wörter – passt!). Danke Word Press! Danke Google! Und vor allem: Danke Steffi!

Epilog

P.S.: Der vorliegende Beitrag hat – nachdem ich Zwischentitel ergänzt und in einer längeren Passage einen Absatz hinzugefügt habe – gute Werte bei der Lesbarkeit. Der Text erzielte einen Score von 71,1 Prozent, „which is considered ziemlich great“.  Nur 15,4 Prozent meiner Sätze enthalten mehr als 20 Wörter (die Erziehung durch die Software fruchtet). Nur 5,1 Prozent meiner Sätze enthalten passive Wörter. Hurra, alles im grünen Bereich!

Wie wohl: Trotz guter Lesbarkeit ist hiesiger Beitrag in Sachen SEO noch lange nicht perfekt. Ich habe als Fokus-Keyword SEO“ gewählt. Und damit die amüsante Situation geschaffen, dass SEO sich selbst in die Headline hinein reklamiert. Aber mal ehrlich: Der Titel „SEO: Google sagt ich kann nicht schreiben“ wäre definitiv eine Verschlechterung. Sorry, Freunde: Da spiel ich nicht mit. Noch nicht… 

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