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Greta, Daimler und die Sache mit den Aliens

Die Klimaaktivistin Greta Thunberg segelt über den Atlantik zum UN-Klimagipfel und erregt damit jede Menge Aufsehen. Ein Mann sieht darin mehr als ein einmaliges Phänomen – und dieser arbeitet ausgerechnet für einen Autohersteller.

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Die Rede ist von Alexander Mankowsky, seines Zeichens Zukunftsforscher der Mercedes-Mutter Daimler AG. Sofa traf ihn in Berlin, wo er einen Vortrag zum Thema „Human First, a Pathway into a Desirable Future“ hielt. Mankowsky propagierte darin einen epochalen Wandel, der seiner Meinung nach unmittelbar bevorstehe. Dahingehend nämlich, dass technischer Innovation in Zukunft geringere Bedeutung zukomme und stattdessen kulturelle Innovation die treibende Kraft werde.

Epochaler Wandel

Dies seien die beiden großen Antriebsräder des Fortschritts. Technische Innovation sei in der Regel absehbar und vergleichsweise langsam, kulturelle Innovation dagegen unberechenbar und sie trete meist schnell auf. Die vergangenen 20 Jahre waren laut Mankowsky stark technologiegetrieben. Konkret meint er den Zeitraum von 2000 bis 2020. Wir befinden uns also am Ende dieser Zeitspanne.

Aktuell stößt man laut dem Daimler-Experten bereits an die Grenzen des Machbaren. Die vielfach prophezeite und schon mehrmals in die Zukunft verschobene Singularität sei bis heute nicht eingetreten, so der Experte. Dabei handelt es sich um jenen Zeitpunkt, zu dem sich Maschinen mittels künstlicher Intelligenz rasant selbst verbessern. Damit würden sie den technischen Fortschritt derart beschleunigen, dass die Zukunft der Menschheit hinter diesem Ereignis nicht mehr vorhersehbar ist. Wie ein Schwarzes Loch, eine Art Urknall.

Von wegen künstliche Intelligenz

„Singularität ist nicht passiert, im Gegenteil: Wir haben heute mehr Programmierer als je zuvor“, betont Mankowsky. Mit dem Begriff Künstliche Intelligenz werde inflationär umgegangen, tatsächlich stecke meist wenig dahinter. „Wir haben nach wie vor keine Computer, die sich selbst programmieren.“ Und jetzt werde die technologische Entwicklung abebben, wie der Zukunftsforscher glaubt. „Man wird nichts komplett Neues entwickeln, weil niemand will, dass sich alles ändert“, sagt Mankowsky und führt als Beispiel HTML an: Dies sei alles andere als perfekt, aber man könne und wolle es nicht mehr ändern, weil alles darauf aufgebaut sei. „Innovation findet nur noch in der Cloud statt,“ erklärt Mankowsky.

Gleichzeitig mache sich eine gewisse Ermüdung bzw. Ernüchterung breit. „Wir hatten 20 Jahre eine Art Digitalrausch, jetzt treten schon immer mehr Digital-Hater auf den Plan“, meint der Experte. Kurzum: Das digitale, technologische Antriebsrad verlangsamt sich, dafür nimmt das soziokulturelle Rad Fahrt auf.

Mankowsky beobachtet zunehmendes Misstrauen der Menschen in Autoritäten – ein Misstrauen in die Politik, Eliten, Konzerne, insbesondere auch in die großen Tech-Konzerne, sowie eine gewisse Enttäuschung in Hinblick auf rein technische Lösungsansätze. Stattdessen gebe es einen Trend hin zu Dezentralisierung, Vertrauen in Familie und Freunde. Und Protestbewegungen wie eben jene rund um Greta Thunberg oder auch die amerikanische Politikerin und Aktivistin Alexandria Ocasio-Cortez.

Keine Aliens

Entwicklungen wie die Erderwärmung seien in der Tat alarmierend. „Wir brauchen dringend einen Plan. Selbst wenn wir die weltweite CO2-Emission heute auf null zurückfahren würden, wäre das nicht mehr genug, um die Entwicklung aufzuhalten“, so der Experte, der ausgerechnet für einen Autokonzern arbeitet: „Wir bräuchten bereits eine negative Emission, müssen also CO2 wieder aus der Atmosphäre raus bekommen.“

Plötzlich bringt Mankowsky Aliens ins Spiel. Oder eben nicht: Er führt das Fermi-Paradoxon ins Treffen. Jenen Gedankengang des Physikers Enrico Fermi aus dem Jahr 1950, der sich fragte, warum wir trotz unzähliger lebensfähiger Planeten im Universum noch nirgendwo sonst Leben gefunden haben.

Angenommen es gibt tatsächlich intelligentes außerirdisches Leben, das technisch hochentwickelte Zivilisationen ähnlich unserer eignen über Millionen von Jahren aufrechterhalten kann. In dieser Zeitspanne sollte es mittels interstellarer und intergalaktischer Raumfahrt möglich sein, ganze Galaxien zu kolonisieren – und der Wahrscheinlichkeit nach sollte dies bereits geschehen sein. Eigentlich müssten außerirdische Zivilisationen somit überall in unserer galaktischen Nachbarschaft existieren. Dennoch blieb die Suche nach den Spuren von Außerirdischen bisher jedoch erfolglos.

Warum das so ist, dafür gibt es zahlreiche Hypothesen. Eine davon ist wenig erbaulich: das Argument der Selbstzerstörung. Demnach liege es in der Natur technischer Zivilisationen und der Entwicklung von Intelligenz, sich selbst zu zerstören. Mit anderen Worten: Es konnte einfach noch keine hochentwickelte Zivilisation über Millionen von Jahren aufrechterhalten werden und somit nicht lange genug, um das Universum zu kolonialisieren. „Vielleicht haben sich alle selbst umgebracht und deshalb finden wir keine Aliens“, sagt Mankowsky. Und dann fügt er in einem nachdenklichen Tonfall einen Satz an, wie ihn nur ein Wissenschaftler formulieren kann: „Es gibt keine Best-Practice-Beispiele und das ist ein schlechtes Zeichen.“

Coole Außenseiter

Aber der Forscher, der rein äußerlich mit seiner an Einstein erinnernden wirren Lockenpracht das Klischee des zerstreuten Professors erfüllt, versprüht sehr wohl auch Zuversicht. Diese schöpft er aus den erwähnten Bewegungen wie jener rund um Greta Thunberg und jenem damit einhergehenden Paradigmenwechsel, den Mankowsky prophezeit.

Im Übrigen würde jeder Zyklus der Veränderung von Außenseitern angestoßen, von den Nerds, Aktivisten, Wissenschaftlern oder Künstlern. Dann würden die Medien aufspringen und schließlich die Gepflogenheiten dieser Außenseiter von der Gesellschaft absorbiert und zum neuen Standard erhoben. Technologie bleibt in diesem Veränderungsprozess laut Mankowsky selbstverständlich immens wichtig, sie sei aber einfach nur ein Tool, nicht mehr und nicht weniger. Ein Tool, das manchmal geradezu magisch sein kann, manchmal aber auch gefährlich.

Vor der fortschreitenden Automatisierung müsse sich die Menschheit indes nicht fürchten. Jobverluste betreffen laut Mankowsky nur den Status Quo in manchen Branchen, dafür entstünden aber viele neue Bereiche und damit auch neue Jobs, etwa im Bereich Umwelttechnik (Stichwort Klimawandel). „Es gibt in Zukunft so viel zu tun“, so das Schlussstatement des Forschers: „Wir werden noch froh sein, dass wir Vieles automatisiert haben.“

Alexander Mankowsky, Zukunftsforschung, Daimler AG; geb. 1957 in Berlin, schloss sein Studium von Soziologie, Philosophie und Psychologie an der FU 1984 als Diplom-Soziologe ab. Arbeitete zunächst mit Kindern und Jugendlichen als Einzelfallhelfer in praktischer Therapie und Lebenshilfe, bis ihn der Zeitgeist packte und zur ‚Artificial Intelligence (AI) führte. In einer von Daimler gegründeten Universität mit dem Fokus AI erwarb er den Titel des ‚Knowledge Engineers‘. 1989 begann Mankowsky seine Tätigkeit im Forschungsinstitut von Daimler in Berlin. Sein derzeitiges Arbeitsgebiet ist die gestaltende Zukunftsforschung: Technische und soziale Innovationen sollen zu wünsch- und machbaren Zukunftsvisionen verbunden werden.

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