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„Ich bin doch kein Virus!“ Die Geschichte von Angel W. – eine Asiatin in Österreich in Zeiten des Corona-Virus

Angel W. blieb an jenem kalten Donnerstag im Februar extra lange im Büro. „Ich möchte so wenig Leuten wie möglich auf meinem Heimweg begegnen“, dachte sie sich. „Bestimmt starren mich wieder alle verachtend an.“ Das wäre jedenfalls nicht das erste Mal. Schon des Öfteren hatte die 28-jährige Studentin, die aus China stammt, schlechte Erfahrungen mit abwertenden Sprüchen oder Blicken in der Öffentlichkeit zu Zeiten des Corona-Virus gemacht.  

Auch wenn man sich die Kommentare zu diversen SocialMediaBeiträgen zum Corona-Virus durchliest, zeigt sich immer wieder ein Muster: Es scheint wie eine Volkskrankheit – sobald die Gesellschaft mit einem Problem konfrontiert ist, braucht sie einen Schuldigen. Einen Sündenbock. Jemanden, den man dafür verantwortlich machen kann und an dem man möglicherweise sogar noch seinen Frust auslassen kann. Das funktioniert mit einem Virus nämlich nicht so gut. Das ist einfach da und wird nicht so schnell weggehen, möge man es auch noch so viel beschimpfen. Zu Beginn der Krise waren es Chinesinnen und Chinesen, die dafür herhalten mussten, später ItalienerInnen oder Menschen aus Tirol. Wer kommt noch in den Genuss, die Schuld auf sich nehmen zu müssen?  

Im Februar hatte das Corona-Virus bereits Europa erreicht und der Alptraum von vielen ist zur Realität geworden. Natürlich waren die Chinesen daran schuld, denn diese haben das Virus erst nach Italien geschleppt – das war jedenfalls der Gedanke, der sich in den Köpfen vieler Menschen sofort auftat, und schon gab es einen Sündenbock. Manchmal passiert das vielleicht sogar unbewusst. Der Mensch wertet ununterbrochen.   

„(…) Ich dachte, ich höre nicht richtig, obwohl ich jedes einzelne Wort verstanden habe.“

Kurz vor 21.00 Uhr beschloss Angel das Büro dann doch zu verlassen – immerhin hatte sie einen anstrengenden Tag hinter sich und sie sehnte sich nach einer heißen Dusche und einem warmen Abendessen. Sie packte ihre Sachen und machte sich auf den Weg zur U-Bahn. Führerschein besitzt sie keinen, denn sonst wäre sie zum damaligen Zeitpunkt schon längst auf das Auto umgestiegen – einfach, um die Nähe zu fremden Menschen zu meiden. Angel betrat die U-Bahn und entschied sich bewusst dazu, stehen zu bleiben. Sie verzichtete auf einen Sitzplatz. Zu riskant war es, neben mehreren sitzenden Fahrgästen Platz zu nehmen. Der Wagon war immer noch gut befüllt und Angel kam die Fahrt wie eine Ewigkeit vor – obwohl sie nur zwei Stationen zu fahren hatte 

„Du blede Sau!“, tönte es da auf einmal ihr gegenüber. Die 28-jährige hatte Kopfhörer in beiden Ohren, aber das konnte sie nicht überhören. Es war klar und deutlich. Es passierte schon wieder. „Ich war so perplex – ich dachte einfach, ich höre nicht richtig, obwohl ich jedes einzelne Wort genau verstanden habe! Da war dieser ältere Herr, um die 60, der mir schon beim Einsteigen aufgefallen ist. Ich spürte seine Blicke bereits die ganze Zeit über“, erinnert sich Angel an diesen Donnerstagabend. Dann brachte sie aber doch noch ein paar Wörter heraus, auch wenn es sich dabei nur um ein leises „Wie bitte?“ handelte. „Du blede Chinesin, warum bist du no draußen?“, kam es daraufhin aus dem Mund des älteren Herrn geschossen. Angel antwortete: „Ich muss noch arbeiten, so wie jeder andere auch!“ „Du suitast owa nimma oaweitn gehen!“, fauchte sie der Mann an. Der Zug war bereits in die Station eingefahren und Angel musste aussteigen. Noch nie zuvor in ihrem Leben war sie derartig froh, die U-Bahn zu verlassen.  

„Die müssen nichts sagen – das spürst du.“

„Es tut einfach weh. Man fühlt sich wie das Letzte und glaubt, man wäre tatsächlich schuld. Schuld, dass das Virus jetzt Europa erreicht hat und wahrscheinlich auch bald Österreich erreichen wird“, so die Betriebswirtschaft-Studentin. Aber das sollte nicht das letzte Mal sein, dass sich Angel mit derartigen Konfrontationen auseinandersetzen muss 

Keine zwei Wochen später geschah es schon wieder. Diesmal war es ein Mann um die 40, bei dem sie Kopfschütteln ausgelöst hatte natürlich nicht beabsichtigt, sei dazugesagt. Es passierte wieder in der U-Bahn, auf dem Weg zur Uni. Ein Mann, der ihr gegenübersaß, begann plötzlich den Kopf zu schütteln. Immer wieder. Damals trug sie keine Kopfhörer. Er drehte irgendwann den Kopf zur Seite und fluchte: „Diese dummen Chinesen. Was machen die eigentlich noch da…“  

„Ja, es ist verletzend – aber das war nicht das Schlimmste für mich. Das Schlimmste war, dass keiner eingeschritten ist. Etliche Menschen haben es mitbekommen, aber keiner von ihnen zeigte auch nur einen Hauch Zivilcourage. Das gibt mir das Gefühl, dass die vielleicht auch so denken wie diese Männer“, beschreibt die Asiatin ihre Gedanken kurz nach dem Vorfall. „Ich denke mir nur: Was ist los mit den Leuten? Ich bin doch kein Virus!“ Angel versuchte sich nach diesen Vorfällen immer wieder selbst an die Realität zu erinnern: „Für mich sollte es klar sein. Ich weiß, dass ich die letzten drei Jahre nicht in China war. Trotzdem fühlt man sich irgendwie schuldig.“  

Diese Vorfälle schienen nun zum Alltag der Studentin zu gehören, denn sie machte immer wieder schlechte Erfahrungen. Menschen weigerten sich in den Lift zu steigen, wenn sie sie darin sahen und StudienkollegInnen ließen sich vor ihren Augen über Chinesen aus. „Sie geben jetzt den Chinesen die Schuld, dass sie ihr Studium verlängern müssen. Sie denken auch schlecht über mich. Die müssen nichts sagen – das spürst du. Die sagen das mit Augenkontakt!“, beschreibt Angel die damalige Situation und Stimmung in den Lehrveranstaltungen. „Ich dachte mir damals nur: Am besten, ich bleibe zuhause und die sehen mich nicht mehr!“ 

 

Diskriminierung als lebenslanger Begleiter 

Angel kam ursprünglich nur wegen der Musik nach Österreich. Sie wurde in Südafrika als Tochter zweier Chinesen geboren und lebte dort auch mit ihrer Familie bis zu ihrem 14. Geburtstag. Dann sollte sie aber Klavier studieren und entschied sich, gemeinsam mit ihrer Mutter nach Österreich zu ziehen. Aufgrund ihres asiatischen Aussehens hatte die 28-jährige schon ihr ganzes Leben lang immer wieder mit Vorurteilen und Diskriminierung zu kämpfen. Die Rassismen, denen sie seit Beginn der Krise ausgesetzt ist, sind allerdings eine ganz andere Herausforderung für die Studentin. Nicht nur, weil sie die derzeitige Stigmatisierung an der eigenen Haut erfährt, sondern auch, weil ein großer Teil ihrer Familie in Wuhan lebt – dem Epizentrum des Corona-Virus in China. Dem Ort, an dem alles begann. Das heißt, Angel bekam schon viel früher den Ernst der Lage sowie die Auswirkungen des Virus zu spüren 

Sie musste tagtäglich mit der Angst um ihre Familie leben, welche sich am anderen Ende der Welt befindet. Auch Angels Vater befand sich zum Zeitpunkt des Ausbruchs des Virus, um das chinesische Neujahr, in Wuhan. Er wollte Renovierungsarbeiten an der Wohnung vornehmen und wurde vom Virus überrascht. Das hatte zur Folge, dass er in China drei Monate festsaß und nicht in seine Heimat Südafrika zurückkonnte. Zum Glück hat China die Ausbreitung des Virus inzwischen im Griff und Angels Familie kam unversehrt davon.

In Österreich sieht es zurzeit anders aus. Wir befinden uns mitten in der Krise und ein Peak steht uns möglicherweise noch bevor. Doch während die gesetzten Maßnahmen für viele der reinste Horror sind, bringen diese für Angel viel Positives: Sie befindet sich seit 17. März im Home-Office und kann nun endlich zuhause bleiben. Ihre Wohnung verlässt sie seither nur, um den Müll runterzubringen 

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