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Mythos Bummelstudent

Mittags aufstehen, nach der ersten Runde Kaffee und Zigaretten gemütlich auf die Uni schlendern, ein paar Stunden in Seminaren verbringen, sich anschließend die Nächte um die Ohren schlagen und im dreißigsten Semester schön langsam mit der Abschlussarbeit beginnen. Wenn von Studierenden die Rede ist, hält sich ein hartnäckiger Mythos.

Mit 750 Euro Top-Verdiener

Die Realität der über 380.000 Studierenden in Österreich sieht anders aus: Ganze 84 Prozent arbeiten während des Studiums, die Hälfte davon kommt mit dem Geld nicht aus – dies ergab eine gemeinsame Studie von der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA-djp) und der Österreichischen HochschülerInnenschaft (ÖH).

Untermauert wird dies von der Studierendensozialerhebung 2015. Hier gaben nicht mal ein Drittel der Befragten an, über 750 Euro monatlich zu verdienen – damit bilden sie bereits die Gruppe der Top-Verdiener unter Studierenden. „Die Hälfte ist auf Unterstützung der Eltern und rund ein Drittel auf Beihilfen angewiesen“, heißt es dazu seitens der ÖH. 

Hinzu kommt, dass Arbeit neben dem Studium offenbar nicht mit Lohnarbeit verwechselt werden darf. Der Zwang, ein Praktikum im Rahmen des Studiums zu absolvieren, bringt Studierende in vielen Fällen nochmals in finanzielle Bedrängnis. „Für mein Bachelorstudium auf der FH Campus muss ich ein Praktikum absolvieren. Das muss einem Zeitraum von insgesamt drei Monaten bei regulärer 30-Stunden-Woche entsprechen. Fünf positive Rückmeldungen erhielt ich bei fast zwanzig Bewerbungen – bezahlt war keiner der Jobs.“, erzählt die 22-jährige Stefanie Haslinger.

Arbeit ohne Lohn und Krankenstand

Stefanie ist dabei kein Einzelfall. Die bislang letzte Studierendensozialerhebung ergab, dass fast zwei Drittel aller Pflichtpraktika nicht bezahlt werden – für die Firmen ein gutes Geschäft. Studierende sollen im Rahmen ihres Studiums immer häufiger Praktika absolvieren. Sie haben gar keine andere Wahl, wenn sie ihr Studium erfolgreich abschließen wollen. Und gegen billige oder gar unbezahlte Arbeitskraft hat kaum ein Arbeitgeber etwas einzuwenden. Bei von Studierenden freiwillig absolvierten Praktika schaut laut Sozialerhebung immerhin noch ein Drittel monetär gänzlich durch die Finger.

Neben der Tatsache der schlechten bis nicht vorhandenen Bezahlung von Praktika arbeiten Studierende in vielen Fällen unter prekären Bedingungen. „Über ein Drittel der Studierenden gibt an, in ihrem Arbeitsverhältnis keinen Anspruch auf bezahlten Krankenstand zu haben. Dabei ist das ein ganz zentrales Recht von Arbeiternehmer in Österreich“, zeigt sich Christian Hoffmann, Jugendsekretär der GPA-djp, über die Arbeitsbedingungen empört.

Folgt man der Argumentation von ÖH und Gewerkschaft, so hat jedenfalls ein Wandel stattgefunden: Der vermeintliche Bummelstudent ist ein Bild von vorgestern – heute studiert, wie Zyniker sagen würden, die schlecht bezahlte und prekär beschäftigte Arbeitskraft von morgen. 

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