fbpx
TOP

Professor oder Kommilitone? Studenten werden immer älter

Früher war alles anders: Ist einem am Uni-Campus eine ältere Person über den Weg gelaufen, so war das im Regelfall der Rektor oder ein Professor. Seit einigen Jahren mischen sich aber immer mehr ältere Studierende unter das Studentenvolk.

3
Minuten Lesedauer

Max schlendert gedankenverloren über den Unicampus. Er hat es heute nicht eilig, denn er ist gut vorbereitet. Aber das Wetter macht ihm etwas zu schaffen. Er spürt es in allen Knochen. Dass manche der studentischen Passanten ihn eigentümlich fragend ansehen, stört ihn nicht. Er denkt grad darüber nach, was und wo das „SV-Kammerl“ sein könnte, wohin ihn eine hilfsbereite Kommilitonin zum Austausch von Unterlagen geschickt hat. Es dauert etwas, bis er kombiniert, dass mit „SV-Kammerl“ ein Raum der Studentenvertretung gemeint ist. Max ist einer von 1230 Studenten an der Universität Salzburg, der über 50 Jahre alt ist.

Lebenserwartung steigt

Der Zugang zum sozialen Leben und zum Wohlstand hängt immer mehr vom Zugang zu Wissen und Lernen ab. Damit steigt auch das Interesse von älteren Menschen wie Max am „lebenslangen Lernen“ und die Motivation im dritten Lebensabschnitt noch (einmal) ein ordentliches Studium zu starten und auch abzuschließen. Laut der Bevölkerungsprognose der Statistik Austria wird Österreich in den 80er-Jahren dieses Jahrhunderts die Zehn-Millionen-Grenze an Einwohnern überschreiten. Davon werden fast zwei Millionen Menschen mehr als 65 Jahre alt sein.

Und es werden immer mehr: Die Lebenserwartung steigt um drei Monate pro Jahr. Im Jahr 2080 werden Männer und Frauen 89,2 beziehungsweise 92,3 Jahre alt. Plötzlich gibt es Menschen, die nach Antritt des Ruhestandes noch an die 30 Jahre fit und belastbar sein können. Ein großer Lebenszeitraum für Menschen, die vielleicht nochmal von vorne anfangen wollen, ein Unternehmen aufbauen oder einfach Neues kennenlernen und ihr Leben eigenverantwortlich führen wollen. Hollywood-Regisseur Steven Spielberg hat etwa sein Studium nach 33 Jahren Pause im Alter von 56 Jahren beendet – mit „Schindlers Liste“ als Abschlussarbeit.

An den FH studieren mehr Ältere

Laut Medienberichten wurden die Älteren längst vom Werbe- und Arbeitsmarkt als großes Potenzial entdeckt. Langsam wird dieses auch vom Bildungsmarkt wahrgenommen. Die Betonung liegt dabei auf langsam, denn nach wie vor endet das statistische Interesse an den Studierenden bei den Mitte 30-Jährigen. Daher ist es auch gar nicht so leicht, sich einen Überblick darüber zu verschaffen, wie viele ältere Studierende es in Österreich derzeit gibt. Im Jahr 2011 haben ebenfalls laut Medienberichten 1100 Personen, die älter als 31 Jahre waren, an den Unis zu studieren begonnen. An den Fachhochschulen waren es aufgrund des breiteren Angebotes berufsbegleitender Studien doppelt so viele. Trotzdem liegt Österreich mit älteren Studierenden international gesehen maximal im hinteren Mittelfeld. Und das, obwohl die Wissenschaft für wissbegierige Menschen mit intellektuellen Aktivitäten eine Verlangsamung des biologischen Alterungsprozesses bescheinigt. Geistig Aktive werden also älter.

Einen hohen Beliebtheitsgrad bei älteren Studierenden scheint aber die Universität Salzburg zu genießen. Mit 1230 der derzeit insgesamt 17.000 Studenten, die mehr als 50 Jahre alt sind, erreicht sie damit einen Spitzenwert im nationalen Vergleich. Und da sind die Studenten der Universität-55-Plus noch nicht mitgerechnet. Universität-55-Plus ist ein so genannte Seniorenstudium, das keine bestimmte Vorbildung als Voraussetzung hat und nicht mit einem akademischen Titel abschließt. 

"Ältere Menschen wollen Wissen nicht nur zur Kenntnis nehmen, sondern sich auch damit auseinandersetzen."

Einen hohen Beliebtheitsgrad bei älteren Studierenden scheint aber die Universität Salzburg zu genießen. Mit 1230 der derzeit insgesamt 17.000 Studenten, die mehr als 50 Jahre alt sind, erreicht sie damit einen Spitzenwert im nationalen Vergleich. Und da sind die Studenten der Universität-55-Plus noch nicht mitgerechnet. Universität-55-Plus ist ein so genannte Seniorenstudium, das keine bestimmte Vorbildung als Voraussetzung hat und nicht mit einem akademischen Titel abschließt. Schon Wilhelm Buschs Lehrer Lämpel wusste: „Also lautet der Beschluss, dass der Mensch was lernen muss.“ Was würde heute Max und Moritz als derzeit rund 150-Jährige dazu bewegen, sich unter das studentische Jungvolk zu mischen? Nun, im konkreten Fall von Max und Moritz wäre es wahrscheinlich die Möglichkeit, verpasste Bildungschancen nachzuholen. Und die anderen? Warum setzen sich ältere Menschen nochmals einem Studien- und Prüfungsstress aus? Ein Punkt, den das Umfeld älterer Studierender oft nicht nachvollziehen kann. Einer Studie der Pädagogin Ilse Krisam zufolge, die ihr Studium selbst erst nach ihrer Pensionierung abgeschlossen hat, sind die Motivationen recht unterschiedlich.

Für die einen ist Studieren eine „derart faszinierende Angelegenheit“, dass Strapazen und Mühe vergessen werden. Andere wiederum finden mit einem späten Abschluss in den Händen Identitätsstärkung. Ilse Krisam beschreibt ältere Studierende als „interessante und interessierte Minderheit“, die durch jahrzehntelange Lebens- und Berufserfahrungen neue Aspekte in die gemeinsame wissenschaftliche Arbeit einbringen kann, die sich auch traut, einmal anderer Meinung zu sein, manchmal zum Leidwesen der vortragenden Professoren. „Ältere Menschen wollen Wissen nicht nur zur Kenntnis nehmen, sondern sich auch damit auseinandersetzen“. Sie kämen nicht zur „Ausbildung“ sondern zur „Selbstbildung“.

Man stößt auf Unverständnis

Da dies gesellschaftlich keinen nützlichen Zweck darstellt, stoße man hier oft auf Unverständnis. Ordentlich Studierende müssen auch Stoffe des gewählten Fachgebietes studieren, die sie manchmal nur teilweise interessieren. Der Studie zufolge fällt dies älteren Studenten schwerer als jüngeren. Damit unterscheiden sie sich von Studierenden der Seniorenstudien, die spezielle Interessensgebiete auswählen können und keine Zugangsbeschränkungen haben. Die ordentlichen Studien werden eher von den „Jungen Alten“ angestrebt, weshalb sie sich auch lieber als ältere Studierende bezeichnet sehen wollen, denn als studierende Alte. Denn: Jeder will alt werden, aber niemand will alt sein.

Teile deine Meinung mit uns