fbpx
TOP

Quidditch: Ein sehr studentischer Sport

Auf der Wiese beim Wasserspielplatz Donauinsel erregt eine Gruppe junger Männer und Frauen Aufmerksamkeit. Sie tragen Sportgewand, Fußballschuhe und passen sich einen Volleyball zu. Ihr Ziel ist es, den Ball durch einen Ring zu werfen. Dabei halten sie durchgehend eine Plastikstange zwischen den Beinen. Es ist das Training der „Danube Wirevoles“, einem Wiener Quidditch-Team, bei dem auch Sofa-Redakteur Alex Belinger mittrainierte.

2
Minuten Lesedauer

Zwei Mal wöchentlich trainieren die Direwolves hier, einige Besucher der Donauinsel sind den Anblick schon gewohnt. Viele machen jedoch kurz halt, um das Geschehen neugierig zu beobachten. Der 26-jährige Laurids ergreift sofort seine Chance, geht auf die Leute zu und verteilt Flyer. „Ja, Quidditch gibt es als richtige Sportart“, erklärt er zwei jungen Mädels, die vom ihnen unbekannten sportlichen Treiben fasziniert sind.

Das Regelwerk

Als Sportart aus den Harry-Potter-Romanen ist Quidditch vielen Leuten bekannt. Das Interesse an Quidditch erkannte etwa auch Electronic Arts und brachte 2003 das Videospiel „Harry Potter: Quidditch-Weltmeisterschaft“ heraus. Zwei Jahre später entwickelten zwei Studenten des Middlebury College in Vermont die reale Version des Sports. Es ist eine Mischung aus Handball, Rugby und Dodgeball. Fliegen kann man natürlich nicht, als Ersatzbesen dient eine Plastikstange, die beim Laufen durchgehend zwischen den Beinen behalten werden muss und so ein Handicap für die Spieler darstellt.

Doch genauer erklärt: Beim Quidditch stehen sich zwei Teams mit je sieben Spielern gegenüber. Unterteilt sind die Mannschaften in unterschiedliche Rollen. Es gibt den Torhüter, den Sucher, drei Jäger und zwei Treiber. Ziel ist es Punkte zu erzielen, in dem der Volleyball durch einen der drei Ringe des Gegners geworfen wird. Dies dürfen jedoch nur die Jäger und der Torhüter des Teams tun. Die Treiber versuchen hingegen den Spielfluss zu stören, in dem sie die drei sogenannten „Bludger“ einsetzen. Das sind Bälle, mit denen gegnerische Spieler abgeworfen werden können. Getroffene Spieler müssen vom Besen steigen und zur Grundlinie laufen, erst dann sind sie wieder aktiv. Und der Sucher? Der jagt den goldenen Schnatz. Im realen Quidditch fliegt dieser nicht, sondern taucht in Form einer Socke im Hosenbund einer neutralen Person auf, die stets ab der 18. Minute das Spielfeld betritt. Das Regelwerk ist somit recht kompliziert, die Sportart bringt eine hohe Komplexität mit sich.

Langsames Wachstum und internationale Spiele

Die Stimmung beim Training der Direwolves ist sehr locker. Dennoch wird ernsthaft trainiert und Leon, der Coach, geht mit den Spielern etwa die Raumaufteilung in der Defensive durch. Für ein richtiges Spiel im 7-gegen-7 fehlen im Sommer allerdings oft die Leute. Beim Training sind an diesem Tag nur neun Leute anwesend. „Zu Semesterende und in den Sommerferien ist die Trainingsbeteiligung besonders niedrig“, erklärt Laurids. 35 zahlende Mitglieder haben die Direwolves, dazu kommen viele lose Mitglieder, die erst neu oder nicht ganz so regelmäßig dabei sind. Die Tendenz ist steigend, die Sportart wächst.

2014 gründete sich das erste Quidditch-Team in Österreich, die Vienna Vanguards. Ein Jahr später entstanden die Danube Direwolves. Darauffolgend gründeten sich außerhalb Wiens ebenso Teams: aktuell wird auch in Graz (Graz Grimms), Salzburg (Fortress Falcons) und Linz (Steel City Snidgets) Quidditch gespielt. Viele Spiele werden bei Turnieren im Ausland absolviert. Einen Ligabetrieb gibt es auch, die Mannschaften aus Wien und Graz bilden gemeinsam mit Teams aus Ljubljana und Bratislava die Central European Quidditch League.

Koordinator der Liga ist Richard Turkowitsch. Er war anfangs nur als Fan dabei, war quasi der erste „Ultrà“ im österreichischen Quidditch. „Der Sport ist jedoch relativ freiwilligen- und schiedsrichterintensiv. Dementsprechend war es schnell notwendig, dass ich nicht nur neben der Seitenlinie stehe und Teams anfeuere. So bin ich dann in die Verbandsarbeit reingekommen“, berichtet Richard von seinem Werdegang. Ihm gefällt die Sportart nicht nur aufgrund seiner hohen Komplexität, sondern vor allem auch aufgrund der gemischtgeschlechtlichen Teams. Dies ist sogar im Regelwerk verankert, es dürfen pro Team maximal vier Spieler eines Geschlechts am Platz stehen.

Eine spezielle Community

Dass sowohl Männer, als auch Frauen mitspielen, sorge für eine spezielle Community. „Das ist anders als bei Sportarten wie etwa Handball, wo es Frauen- und Männersektionen gibt. Selbst da ist immer noch eine große Wand dazwischen“, so Richard. Außerdem: „Wenn du sehen willst, wie eine 55-Kilo-Frau einen Zwei-Meter-Prügel niederreißt, dann siehst du das nirgends außer beim Quidditch“, bringt der „Head of Gameplay“ einen weiteren Reiz der Sportart plakativ auf den Punkt.

Für die Spieler sind die gemischtgeschlechtlichen Teams völlig normal. „Es ist am Anfang schon etwas ungewohnt mit Frauen zu spielen, weil man es von anderen Sportarten nicht kennt. Da ist es immer getrennt. Es ist dann aber überhaupt kein Problem. Im Gegenteil, wenn man zum Fußball oder Handball kommt, wundert man sich, warum da jetzt keine Frauen sind,“ erklären Dominik und Daniel von den Vienna Vanguards.

Auch viele eigentlich sportferne Personen werden von Quidditch angezogen. Das Interesse an Harry Potter ist für viele Quidditch-Spieler der Ausgangspunkt. „Andere Randsportarten würden sich alle zehn Finger abschlecken, wenn sie so einen Hook hätten wie wir mit Harry Potter“, meint Richard. Dabei ist „Harry Potter“ beim Quidditch so gut wie gar nicht präsent. Laurids erzählt von seiner anfänglichen Skepsis aufgrund der Verbindung zur Fantasyromanreihe: „Ich sehe mich selbst als eher sportlich und war mir nicht sicher, wie groß der sportliche Ehrgeiz ist. Aber beim ersten Match der Direwolves habe ich dann gesehen: Da ist wirklich viel Ehrgeiz dahinter“.

Welt- und Europameisterschaften finden alle zwei Jahre statt. Bei der erst kürzlich ausgetragenen EM belegte Österreich den siebten Platz, im Jahr davor landete Österreich bei der WM auf Platz elf. Interessanterweise haben sich im Quidditch stark unterschiedliche Spielstile entwickelt, Nationen wie England haben einen verstärkten Fokus auf die Rugby-Elemente, in Deutschland ist hingegen der Einfluss aus dem Handball größer.

Derzeit ist die Sportart noch sehr stark auf den Universitäten verankert. Der Großteil der Spieler sind Studierende. „Auf die Idee zu kommen, einen Sport aus Fantasyromanen nachzuspielen, ist schon ein sehr studentisches Ding“, meint Richard und ergänzt: „Sehr ‚workingclass‘ sind wir nicht. Teilweise auch noch sehr wenig migrantisch. Was ich beides sehr schade finde.“ In Linz ist das Quidditch-Team Teil des Uni-Sports der Johannes-Kepler-Universität. In Wien war Quidditch anfänglich als Team der Uni Wien angedacht, die Idee wurde aber später verworfen. Auch in Deutschland sind viele Mannschaften Teil der Unis, aber immer weniger. Denn die Mitglieder werden älter und schließen ihre Studien ab. Beim Quidditch bleiben sie aber dennoch.

Teile deine Meinung mit uns