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Studentinnen im Tauschrausch

Zwei Studentinnen, zwei Tauschobjekte, ein Experiment. Vorbild ist Michael Wigge, der 2012 sein Buch „Wigges Tauschrausch“ veröffentlichte. Darin beschreibt er den Weg, auf dem er sich von einem angebissenen Apfel bis zu einem Haus auf Hawaii getauscht hat. Auch wir versuchten uns eine Woche lang im Tauschen und ergatterten, mit wenig Plan und viel Glück, so manchen Schatz.

7
Minuten Lesedauer

Versuch eins, von Stephanie Mosshammer-Facinelli

Statt der üblichen Sieben-Tage-Regenwetter strahlt endlich wieder die Sonne an Salzburgs Himmel. Mit der Hoffnung, dass sich dies auch in der Stimmung der Studenten niederschlägt, starte ich mein Experiment: Tauschen bis – naja mal sehen was rauskommt. Ein Ziel habe ich nicht vor Augen, wäre doch blöd, mir selbst eine Grenze zu setzen. Der Umstand, möglicherweise bald Millionär zu sein, verschafft mir den nötigen Antrieb. Ich beginne mit einem Kaugummi, der gehört in der Regel zu den beliebtesten Produkten unter Studenten. So lässt der erste Tauschpartner auch nicht lange auf sich warten: Eine Studentin war gerade bei McDonalds und bietet mir ihr noch neu verpacktes Coca-Cola-Glas im Gegenzug zu meinem Kaugummi. Ein Deal, den ich unmöglich ausschlagen kann. Mein neues Glas katapultiert mich schlagartig in eine neue Liga. Ich bin nun Besitzerin eines brandneuen Haushaltsgegenstandes.

Kurze Zeit später begegne ich einer Freundin, die auf dem Weg zu einer WG-Party ist. Unter ihrem Arm trägt sie eine Flasche Hugo, als kleines Geschenk für die Gastgeberin. Schnell meldet sich meinn neu erworbener Tauschsinn. Ich hole tief Luft und halte einen Monolog über Gastgebergeschenke. Ich erwähne, wie viel cooler es ist, mit einem Glas zu einer Party zu kommen als mit einer Flasche – denn das macht doch schließlich jeder. Und siehe da, Tausch Nummer zwei geht erfolgreich über die Bühne.

Auf meinen Weg zur Naturwissenschaftlichen Fakultät treffe ich auf vier Burschen die aussehen, als ob sie Durst hätten. Ich preise ihnen meinen fein erlesenen Hugo an – und es wirkt. „Ich geb dir dafür mein Apfelmus, ist nur ein bisschen angegessen“, sagt einer der Burschen.“ Ich habe wirklich keine Lust auf Apfelmus und noch weniger auf halb  angegessenes Apfelmus. Ich zeige mich wenig begeistert. Der junge Mann scheint schnell zu verstehen. In Sekundenschnelle zückt er einen Folder voller Marker aus seinen Rucksack. Ein Engelschor ertönt in meinem Kopf und in meinen Augen zeichnen sich Dollarnoten. Doch dann kommt der Satz, der mich schnell auf den Boden der Tatsachen zurückholt. „Du kannst dir einen aussuchen, auch die Farbe.“ Naja, zumindest etwas. Ich verabschiede mich von meiner Flasche und begrüße meinen neuen lila Textmarker.

Nach meinem glorreichen Anfang der mich über Nacht zum selbsternannten Tauschstar macht, kommt die Trockenzeit. Zahlreiche Studenten schlagen mein Angebot aus, oder ich ihres. Von Tag zu Tag wird es immer schwieriger, meinen vorher noch so geliebten lila Marker los zu werden. Aufgeben kommt jedoch nicht in Frage. Hier noch einmal einen Dank an alle Studenten, die mir wirklich weiterhelfen wollten, aber nicht konnten, es ist nicht eure Schuld, dass ihr nur Mist dabeihabt. Nach unzähligen Gesprächen finde ich schlussendlich einen Studenten, mit einer Sammlung von alten PlayStation-2-Spielen. Er erklärt sich bereit, mir sein in Zockerkreisen sehr beliebtes „Need for Speed“ gegen meinen Marker zu tauschen. Tschüss Marker, Hallo PS2-Spiel, du bist jetzt mein!

Ausgestattet mit meinem neuen PS2-Spiel unterhalte ich mich mit einem Mitstudenten. Er grübelt vor sich hin und meint, er hätte ein altes Skateboard noch irgendwo rumliegen, welches er tauschen würde. Ich bin den Tränen nahe. Ein altes Skateboard! Ja ich weiß, es sind keine Millionen, oder ein Auto, aber zumindest ein fahrbarer Untersatz. Er verabschiedet sich kurz und kommt wenig später mit dem Board zurück. Ich verliebe mich sofort, in das Skateboard natürlich. Hier beende ich voller Freude mein Experiment, mit meinen, wie ich es nun liebevoll nenne, „Studenten-Auto“. Ich habe auch nicht vor in nächster Zeit noch einmal etwas zu tauschen. Höchstens eine Handynummer.

Versuch zwei, von Paula L. Trautmann

Ein Päckchen Kaugummi als Startkapital. Nicht besonders viel, aber ich bin neugierig, was ich dafür wohl bekomme. Am ersten Abend findet das „Pub-Quiz“ der Studienvertretung Kommunikationswissenschaft statt, eine gute Möglichkeit, die ersten  Tauschgeschäfte zwischen Spritzer und Bier durchzuführen. Meine erste Errungenschaft ist ein Feuerzeug, das ich von einer Studienkollegin bekomme. Nichtraucher trennen sich offensichtlich schnell von den Allzeitbegleitern der Raucher. Gleich darauf ergattere ich einen  Flaschenöffner aus Amsterdam, der als Erinnerungsstück an eine Reise in die Hauptstadt der Niederländer, wohl mehr emotionalen als materiellen Wert für die Person hat. Bei leicht angetrunkenen Studenten braucht es nicht allzu viel Überredungskunst, lächle nett und sie überlassen dir ihr Hab und Gut ohne langes Zögern. Der Flaschenöffner hat nicht nur die Funktion alle möglichen Getränke zu öffnen, er ist zusätzlich noch ein Schlüsselanhänger. Optimal für trinklustige Studenten, die allzeit bereit dazu sein müssen, ein Bier zu öffnen. Ermutigt durch meine ersten Tauschgeschäfte mache ich mich auf den Weg nach Hause und male mir aus, wie weit ich den Rest der Woche noch kommen würde.

Am kommenden Tag tausche ich Flaschenöffner gegen Fahrradlampe, inklusive Halterung und Batterien, mit einer durstigen Politikwissenschaftlerin. Sie ist der optimale Tauschpartner, Spezi mit Kronkorken lässt sich nun einmal nicht per Zauberhand öffnen. Nun muss nur noch ein Fahrradfahrer gefunden werden, der willens ist, sein Hab und Gut dagegen einzusetzen. Deshalb treibe ich mich auf der Suche nach meinem nächsten Opfer an den Fahrradständern der Universität herum. Niemand interessiert sich für meine Fahrradlampe, anscheinend haben die meisten Studenten schon genug Lichtausstattung oder stehen auf Risiko beim Radfahren. Aber Hartnäckigkeit zahlt sich aus. Nach etwas betteln und feilschen erbarmt sich ein Soziologiestudent. Ich tausche Sicherheit gegen seine eineinhalb Schachteln Zigaretten, jedoch nur unter der Voraussetzung einer gratis Montur. Nächster Tag, nächste Runde. Eine Handyhülle in Drachenform, diverse Handcremes und eine Bibel werden mir für die Zigaretten angeboten. Ich lehne ab. Alles mit zu wenig Wert oder nicht unbedingt der Lieblingsgegenstand unter Studenten. Oder lesen heutzutage noch viele die Bibel? Vielleicht wäre es auch einen Versuch wert gewesen, das Neue Testament an der theologischen Fakultät loszuwerden. Das erscheint mir jedoch als keine besonders glorreiche Idee. In den kommenden Tagen bekomme ich für die eineinhalb Packerl letztendlich eine Pilotenbrille, die trotz Malle-Urlaub recht stabil aussieht und auch noch Sonnenschutz garantiert.

Am vorletzten Tag des Experiments hat mich das Glück wohl gesegnet. Vor lauter Dreistigkeit und Übermut lehne ich mich sehr weit aus dem Fenster: Im Foyer der Universität tippen die unterschiedlichsten Studenten immer in ihre Laptops oder Tablettastaturen. Mein Ziel ist es, eine solche Tastatur für Tablets einsacken zu können. Beim dritten Versuch überlässt mir ein Erstsemestriger seine Tastatur für die Sonnenbrille. Vielleicht ist er überrumpelt von meinem vielen Gerede, vielleicht hat er nur Mitleid mit einer verzweifelten Studentin. Wie auch immer, die eingesetzten Mittel wirken. Ich bin nun stolze Besitzerin einer Tastatur im Wert von rund 25 Euro. Kein schlechtes Ergebnis für den Start mit einem 80-Cent-Kaugummi. Frechheit siegt wohl doch.

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