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Studieren mit Hindernissen: Blind den Weg in den Hörsaal finden

Viele offene Fragen prägen noch immer den Uni-Alltag von Studierenden mit Behinderungen. Das merken nicht nur Betroffene an, sondern auch die Behindertenbeauftragten der Universitäten Graz und Salzburg.

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Er scheint ein Studierender wie jeder andere zu sein. Und doch ist er anders, auch wenn er sich nicht so fühlt: Zögerlich beginnt Tim, 27 Jahre alt, von seinen Interviewaufnahmen für seine nächste Radiosendung zu berichten. Radio ist seine große Leidenschaft und an der Pädagogischen Hochschule Steiermark kann er sie ausleben. „Hier bin ich einer der ersten Studierenden mit einer Behinderung. Dennoch sind die meisten mir gegenüber sehr aufgeschlossen – und das meiste funktioniert ohne Probleme“, sagt Tim, während er den Blindenstock vor sich auf den Boden legt. Seit Kindesbeinen ist der gebürtige Deutsche hochgradig sehbehindert. Er studiert seit vier Jahren an der Hochschule sowie an der Universität Graz Deutsch, Germanistik sowie Psychologie und Philosophie. „An der Universität in Graz bekomme ich viel unbürokratischer und einfacher Unterstützung als zuhause in Deutschland“, stellt Tim fest.

Lebenserwartung steigt

Der 27-jährige ist beileibe nicht der einzige Studierende mit Behinderung in Österreich. So gaben rund zwölf Prozent der österreichischen Studierenden an, an einer oder mehreren studienerschwerenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu leiden. Dies zeigt die Studierenden-Sozialerhebung aus dem Jahr 2015. In diesen Bereich fallen aber auch jene Studierende, die beispielsweise chronische Erkrankungen oder Allergien vorzuweisen haben. „Damit spricht man nur bei 0,7 Prozent von Studierenden mit einer Behinderung im engeren Sinne. Das entspricht rund 2200 Studenten“, erläutert Barbara Levc, Leiterin des „Zentrums Integriert Studieren“ an der Universität Graz.

Auch Tim ist immer wieder hier, um Unterstützung in seinem Universitätsalltag zu bekommen. Dies weiß Tim sehr zu schätzen: „Das alles trägt dazu bei, dass ich einen fast normalen Uni-Alltag habe.“ Damit sei der 27-jährige nicht allein. Laut Levc seien so manche Betroffene am Beginn ihres Studiums von den vielen Unterstützungen, die geboten werden, sogar überfordert. Der Grund: In der Ausbildung bis zur Matura hatten die Jugendlichen oft keine Möglichkeiten, solch große Unterstützung zu bekommen, sagt Levc. 

"Ältere Menschen wollen Wissen nicht nur zur Kenntnis nehmen, sondern sich auch damit auseinandersetzen."

Dies sei auch der Grund für die geringe Anzahl Studierender mit Behinderung, bekräftigt nicht nur Levc, sondern auch Christine Steger im Gespräch mit dem „Uni-Magazin“. Steger, die an der Universität Salzburg als Leiterin der Abteilung „diversity&disability“ tätig ist, erklärt: „Wenn es nur wenige Maturanten mit Behinderung gibt, dann wird es auch nur wenige Studierende mit Behinderung geben. Verantwortlich dafür sind Strukturen im Bildungsbereich.“ Insgesamt ist die Entwicklung der Lage der Studierenden mit Behinderung in den vergangenen Jahren aber positiv zu bewerten, merkt Steger an. „Offene Ablehnungen und offene Diskriminierungen haben sehr stark abgenommen.“

„Ängste gibt es nicht nur bei uns“

Dies bestätigen auch die Erfahrungen von Studierenden an den Universitäten Graz und Salzburg. Dominic studiert etwa an der Uni Salzburg Kommunikationswissenschaft im dritten Semester. Auch er weist eine Sehbehinderung auf. „Meist sind Mitstudierende und Dozenten offen dafür, mich zu unterstützten“, meint Dominic zufrieden. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch bei Tim in Graz. Trotzdem gibt es in dieser Hinsicht noch viel zu tun. „Ängste gibt es nicht nur bei uns, sondern auch bei Menschen ohne Behinderung“, sagt Tim. Auf dem Weg von der Universität Graz zur Pädagogischen Hochschule schildert er die Situation folgendermaßen: „Oft sind Studierende unsicher, wie sie sich ihren Studienkollegen mit Behinderung gegenüber verhalten sollen. Vor allem bei Referaten oder anderen Aufgaben gibt es Probleme.“

Es gibt noch Probleme

Anders sieht die Situation bei Tim in Graz aus: Ein einfaches Hinschicken der Studienliteratur an das universitätsinterne „Zentrum Integriert Studieren“ genügt und schon bald bekommt er die Unterlagen seiner Behinderung gerecht zurückgesandt. In diesem Bereich zeigen sich Unterschiede zwischen die Universitäten. Für Levc und Steger ergibt sich eine klare Forderung: „Die Art der Unterstützung darf nicht vom Studienort abhängen.“ Die Lösung: Es sollen bundesweit gleiche Qualitätsstandards in diesem Bereich geschaffen werden. Trotzdem können Tim und Dominic ihren Uni-Alltag einigermaßen gut meistern. „Wir hoffen, dass Probleme aus den Weg geräumt werden, die uns momentan noch Schwierigkeiten bereiten“, sind sich Tim und Dominic einig. Dementsprechend schauen beide auch positiv in eine hürdenfreie Zukunft.

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