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Was behindert das Studium für gehörlose Studenten?

D as Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention jährte sich am 3. Mai 2019 zum elften Mal. Diese beschäftigt sich mit einem barrierefreien Zugang für Menschen mit Behinderungen. Das Thema ist zwar nicht neu, jedoch für die meisten Neuland. Magdalena (30), ehemalige Studentin, ist gehörlos. Barrieren bedeuten für sie keine Hindernisse in Gebäuden, sondern in der Kommunikation. Wir haben uns mit ihr über die Barrieren im Studium unterhalten.

„Es gab keine Dolmetscher“, Magdalena zieht Resümee über jene Hürden, auf die sie während des Studiums gestoßen ist. „Eine weitere Barriere in meinem Studium erlebte ich, als ich an Laborübungen teilnehmen wollte. Dafür absolvierte ich vorab eine zusammenhängende Vorlesung, die ich auch bestanden hatte. Als ich jedoch an der weiterführenden Übung teilnehmen wollte, habe ich erst erfahren, dass ich eine zweite Vorlesung vorab besuchen hätte müssen. Diese Information habe ich aufgrund der fehlenden Dolmetscher nicht erhalten“.

Der Austausch zwischen hörenden und gehörlosen Menschen ist wichtiger denn je, um eine inklusive Gesellschaft zu schaffen. Obwohl es die UN-Behindertenrechtskonvention (UN- BRK) bereits seit über zehn Jahren gibt, werden Menschen mit Behinderungen, wie im vorliegenden Fall unserer Interviewpartnerin Magdalena, auch gegenwärtig noch immer vor zahlreiche Hürden gestellt. Österreich hat zur Umsetzung der Punkte der Konvention den Nationalen Aktionsplan 2012–2020 (NAP) aufgestellt.

Behandelt wird hier auch die Barrierefreiheit. Dieser beschreibt Ziele, jedoch werden keine Maßnahmen für die Umsetzung behandelt. Dadurch bleibt die Frage nach Zuständigkeiten unklar. Es hat den Anschein, dass kompetente Ansprechpersonen betreffend der Thematik „Barrierefreiheit“ Mangelware und die Inhalte der Behindertenrechtskonvention noch immer nicht fixer Bestandteil unseres alltäglichen Lebens sind. 

Mangel an Gebärdensprach-Dolmetscher

Warum aber funktionieren diese Umsetzungen gegenwärtig noch nicht? Hier spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Es beginnt bereits bei einem eklatanten Mangel an qualifizierten Gebärdensprach-Dolmetscher. Zum einen stellt sich hier die Frage nach der Finanzierung derselben und zum anderen nach der Zahl der verfügbaren Dolmetscher. Momentan führt der Österreichische Gebärdensprach-DolmetscherInnen- und -ÜbersetzerInnen-Verband (ÖGSDV) in Österreich circa 120 Mitglieder. Im Vergleich dazu stehen die geschätzten 8.000 bis 10.000 gehörlosen Österreicher, für die ÖGS-Dolmetscher unabdingbar sind. 

Magdalena beurteilt die derzeitige Situation nach ihren persönlichen Erfahrungen folgendermaßen: „Gehörlose und schwerhörige Studierende benötigen Dolmetscher. Dies beginnt bereits vor dem Studium, wenn Informationen über einen Studiengang benötigt werden. Dies gilt genauso beim Kontakt zum Universitätspersonal. Wichtig ist auch, dass es Dolmetscher gibt, die sich mit den Inhalten der Studienfächer auskennen, um diese verständlich in Gebärdensprache transportieren zu können. Hier ist es wichtig, zwischen zwei Arten zu unterscheiden: Dolmetscher, die ausschließlich den Kontakt zu Uni-Stellen vermitteln und jene, die sich auch mit der Materie auskennen, die unterrichtet wird“.

Ein weiterer Punkt ist laut dem Österreichischen Gehörlosenbund (ÖGLB) auch der Zugang zu Bildung, da Unterricht in Gebärdensprache keine Selbstverständlichkeit darstellt. Eine Möglichkeit davon ist bilingualer Unterricht. Damit können gehörlose und hörende SchülerInnen diese Sprache in jungen Jahren gemeinsam lernen. Ein Vorteil dabei ist auch, dass hörende Schüler ein Verständnis dafür entwickeln, wie es sich anfühlt, mit den Händen zu sprechen. 

TU Wien macht es vor

Neben dem ÖGLB gibt es auch andere Organisationen, die sich für einen barrierefreien Zugang zu Bildung einsetzen. Eine davon ist GESTU – „Gehörlos erfolgreich studieren an der TU Wien“. Das Projekt wurde 2006 ins Leben gerufen, als im selben Jahr die Gebärdensprache in Österreich offiziell als Sprache anerkannt wurde. Anfänglich nur für Studierende der TU Wien zugänglich, gilt es heute als eine der Anlaufstellen für gehörlose Studierende in Wien. Der Wunsch der Organisation wäre eine Ausweitung des Projekts auf andere Bundesländer, um hörbehinderten Studierenden in ganz Österreich einen Teil ihres Rechts auf Bildung zu ermöglichen.

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