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Wie ECTS-Punkte das Studium internationalisiert haben

Ist das ECTS unfair oder steigert es die Bildungsqualität für Studenten wie Hochschulen? Die Bologna-Reform spaltet die Gemüter.

Sacramento, Kalifornien. Der Jus-Student Hans Westergaard liegt neben dem Campuspool in der Sonne. In seiner Hand hält er seinen Reader für Copyright Law.  Das azurblaue Wasser reflektiert das Licht. Es ist Oktober, mitten im Wintersemester, aber an der McGeorge School of Law hat es auch im Herbst noch 30 Grad. Durch ECTS ist so ein Auslandssemester, in Europa aber auch in Amerika, keine Hexerei mehr.

Doch die Bologna-Reform ist seit ihrer Einführung umstritten. Reformziele waren eine europaweite Vereinheitlichung von Studiengängen und –abschlüssen, damit Studierende international mobil sein können. Kritiker bezeichnen sie aber als Totengräberin des Abendlandes, erzählt Franz Kok. Er ist an einer österreichischen Hochschule im Fachbereich Politikwissenschaften und Soziologie, wie auch im Mobilitätsmanagement, tätig. Viele Studierende finden, dass die Zuteilung der ECTS zur jeweiligen Lehrveranstaltung nicht immer fair ist. Das Ziel der Bologna-Reform war es aber, die Qualität an Hochschulen zu sichern und für eine europaweite Strukturierung der Studienverläufe zu sorgen. Wurde dieses Ziel erreicht?

Auch Studierende aus Drittstaaten profitieren

„1990 begann ich als Erasmus-Koordinator. Es war eine Zeit, in denen sehr viele Studenten diese Mobilitätsprogramme zum Erkunden von Europa nutzen wollten. Ich koordinierte damals ein Netzwerk von politikwissenschaftlichen Instituten und wir haben jedes Jahr ein paar Tage damit verbracht, uns über den Inhalt unserer Lehrveranstaltungen zu unterhalten“, sagt Kok. Kriterien und Punktesysteme wurden abgeglichen und so arbeitete Kok heraus, welche Studierenden er an welche Universitäten schicken konnte.

Aber nicht nur für Studenten aus Westeuropa, die sich im klassischen Erasmus-System bewegen, bietet das ECTS Vorteile. Auch viele Drittstaaten sind Mitglieder. „In der Politikwissenschaft sind wir der Meinung, dass wir auch eine gewisse Verantwortung haben, Studierenden aus Ländern, die sich in politischer Transformation befinden, den Horizont zu erweitern“, erklärt Kok, der zur Zeit des Interviews in Batumi, Georgien, unterwegs war.

Unklare Zuteilung wird kritisiert

Aber auch andere Aspekte der ECTS wüssten Studierende durchaus zu schätzen, die nicht unbedingt ein Auslandssemester in Betracht ziehen. „Die Vorhersehbarkeit und dass ich genau weiß, wie viel Arbeit das wird“, erwähnt David Schönauer, der im Fachbereich Anglistik seinen Bachelor macht.

Allerdings kommt bei den ECTS auch immer wieder scharfe Kritik von den Studierenden. „Warum bekomme ich für den Kurs nur vier ECTS und andere Studenten für denselben fünf, nur weil das für einen anderen Studienknoten ist?“, meint Schönauer.

Bei der Frage zu negativen Aspekten des ECTS-Programms kommen regelmäßig ähnliche Geschichten. „Ich verstehe nicht, warum ein Kurs, wo ich nicht recht viel mehr tun muss als Texte lesen, sechs ECTS hat. Und ein anderer Kurs, bei dem ich Interviews führen musste und dann noch eine Abschlussarbeit schreiben, ist dann nur vier ECTS wert?“, erzählt Nina Gassner, Studentin am Fachbereich Kommunikationswissenschaften.

„Qualität der Bologna-Implementierung an Universitäten ist so intelligent, wie die Universitäten selbst waren, es zu nutzen.“

Wie so etwas passieren kann, erklärt Kok: „Die ECTS werden den Kursen nicht nur im Verhältnis zur Workload zugeteilt. Es gibt auch verschiedene Qualifikationsniveaus.“ Beispielsweise ein Kurs im Masterlevel mit sechs ECTS würde sich etwa für einen Studierenden auf Bachelor-Niveau wie ein Zehn-ECTS-Kurs anfühlen.

Wie die Bologna-Reform angewendet wird, kann jedoch stark von Hochschule zu Hochschule variieren. „Die Qualität der Bologna-Implementierung an Universitäten ist so intelligent, wie die Universitäten selbst waren, es zu nutzen“, sagt Kok. Selbst an derselben Universität gebe es zwischen den verschiedenen Fachbereichen Unterschiede.

  • ECTS heißt European Credit Transfer and Accumulation System.
  • Lehrveranstaltungen werden Credits zugewiesen: Wie viele wird nach Lehrumfang und dem Arbeitsaufwand in Stunden bestimmt.
  • Erst nachdem die geforderte Gesamtpunktezahl an ECTS erreicht ist, bekommen die Studierenden ihren akademischen Titel.
  • Das System entstand 1989 als Pilotprojekt im Rahmen des Erasmus-Programms, wird aber oft als Teil der Bologna-Reform angesehen.
  • Ziel der Bologna-Reform war die europaweite Vereinheitlichung von Studiengängen und -abschlüssen.
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