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Wohnst du schon oder suchst du noch? Per Casting in die Studi- WG

Schulabschluss in der Tasche, Studienplatz gesichert. Jetzt muss nur noch die passende Wohngemeinschaft her. Doch wer ein erschwingliches Zimmer sucht, braucht starke Nerven: Auf eine Anzeige bewerben sich gerne Dutzende Studenten. Wer das Zimmer bekommt, entscheidet sich deshalb immer häufiger in „WG-Castings“.

4
Minuten Lesedauer

Während sie die Klingel drückt, kreisen Janas Gedanken längst um das gleich stattfindende Gespräch. Es ist bereits ihr viertes Mal – und wieder steht sie vor einer fremden Wohnung, in diesem noch so unbekannt erscheinenden Wien. Die Tür öffnet sich, fünfter Stock, zweite Tür: „Hereinspaziert!“ Dieses Mal will sie alles richtig machen. Denn die Zeit wird knapper, ihre Geduld geringer. Sie hat es satt: Anzeigen durchstöbern, Massenmails versenden, Termine ausmachen, WGs abklappern. Um dann ein paar Tage später erneut zu hören: „Es tut uns sehr leid, aber wir haben uns leider für einen anderen entschieden.“ Woran hat es gelegen? Was hat der eine, was ich nicht habe? Ein Gedankenszenario, welches eher einer Teenie-Liebeskummerszene entspricht, als dem einer Wohnungssuchenden. Aber die Anforderungen an den perfekten Mitbewohner sind heutzutage höher denn je, die Konkurrenz riesig und die Zeit, sich zu präsentieren, ist kurz. Das Problem: akute Wohnungsknappheit. Dies hat besonders in den großen österreichischen Studentenstädten erhebliche Konkurrenz bei den Interessenten und eine eklatante Preissteigerung zur Folge. Da kommt es schon mal vor, dass Wohngemeinschaften regelrechte Castings abhalten, um unter den zahlreichen Bewerbern den einen, optimalen Mitbewohner zu finden.

Das Angebot auf der Online-Plattform war für Jana sehr vielversprechend: „Schönes, sonniges Zimmer in zentraler Lage in Dreier-WG.“ Fotos gab es keine, dafür überzeugte der einladende Mietpreis. Es ist ein wirklich schönes, sonniges Zimmer. Nach einer hastigen Wohnungsführung sitzt sie nun da, auf einem klapprigen Stuhl, mitten in einer völlig fremden Wohnung. Frontal zu ihr – die Jury. Auf einer bereits in die Jahre gekommenen, durchgesessenen Ikea-Couch thronen sie: Luise, 21, Germanistikstudentin, und Gerhard, 26, Psychologiestudent. „Leider haben wir nur 20 Minuten Zeit, dann kommt der nächste Bewerber. Wir haben deshalb ein paar Fragen vorbereiten, die du uns beantworten sollst.“ Und dann beginnt sie, die Fragerei: „Erzähl uns mal was von dir! Rauchst du? Hast du einen Freund? Wie oft putzt du in der Woche? Bist du eine Langschläferin? Und wie stellst du dir das WG-Leben vor?“

"Erzähl uns mal was von dir! Rauchst du? Hast du einen Freund? Wie oft putzt du in der Woche? Bist du eine Langschläferin? Und wie stellst du dir das WG-Leben vor?"

Das Angebot auf der Online-Plattform war für Jana sehr vielversprechend: „Schönes, sonniges Zimmer in zentraler Lage in Dreier-WG.“ Fotos gab es keine, dafür überzeugte der einladende Mietpreis. Es ist ein wirklich schönes, sonniges Zimmer. Nach einer hastigen Wohnungsführung sitzt sie nun da, auf einem klapprigen Stuhl, mitten in einer völlig fremden Wohnung. Frontal zu ihr – die Jury. Auf einer bereits in die Jahre gekommenen, durchgesessenen Ikea-Couch thronen sie: Luise, 21, Germanistikstudentin, und Gerhard, 26, Psychologiestudent. „Leider haben wir nur 20 Minuten Zeit, dann kommt der nächste Bewerber. Wir haben deshalb ein paar Fragen vorbereiten, die du uns beantworten sollst.“ Und dann beginnt sie, die Fragerei: „Erzähl uns mal was von dir! Rauchst du? Hast du einen Freund? Wie oft putzt du in der Woche? Bist du eine Langschläferin? Und wie stellst du dir das WG-Leben vor?“

Eine Marathon, der Geduld abverlangt

Der Besichtigungsmarathon wird für Wohnungssuchende schnell zur Geduldsprobe. Wer aber ein halbwegs leistbares Zimmer zu vergeben hat, sitzt meist am längeren Hebel. Ist das Zimmer dann auch noch zentral gelegen und größer als eine Abstellkammer, wandelt sich die Sorge, keinen Interessenten zu finden, schnell in die Qual der Wahl. Für Makel ist da kein Platz, schließlich ist man auf der Suche nach dem perfekten Mitbewohner. Und um den auch zu finden, greifen WGs oft zu den verrücktesten Methoden. Psychospielchen, Fragebögen oder gar Putztests – alles keine Einzelfälle mehr. Eine Studie von „Zeit Online“ hat unzählige WG-Anzeigen analysiert und dabei Eigenschaften herausgearbeitet, welche immer wieder bei potentiellen Mitbewohnern gesucht wurden. So haben vor allem Nichtraucher und Wochenend-Heimfahrer große Vorteile bei WG-Castings, Aussagen wie „Ordnung und Sauberkeit sind mir äußerst wichtig“ oder „ich kann gut kochen“ kommen ebenfalls gut
an.

Während Luise damit beschäftigt ist, Jana Löcher in den Bauch zu fragen, scannt Gerhard sie von oben bis unten ab. Hin und wieder greift er zu Stift und Papier und macht sich Notizen von ihren Antworten. Die Fragen sind indiskret, die Situation skurril. Plötzlich ist Jana Teil eines verrückten Castings, obwohl sie weder die Jury richtig kennt, noch weiß, wer ihre Konkurrenten sind. Dennoch will sie sich durchsetzen, den Hauptpreis gewinnen: die Wohnungsschlüssel. Als der aufgesetzte Smalltalk, der an ein Verhör erinnert, nicht zu enden schien, klingelt es plötzlich an der Tür. Janas Zeit ist abgelaufen, der Nächste bitte!

Die Wohnsituation von Studenten unterscheidet sich in Europa sehr stark. So zeigt der europaweite „Eurostudent Reports“ des Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung beispielsweise auf, dass WGs in den Universitätsstädten in Österreich oder Deutschland für die meisten Studierenden längst schon Standard sind. Französische Studenten bevorzugen dagegen eher Singlewohnungen und bei den Italienern liegt das Hotel Mama an erster Stelle. Aber wieso entscheiden sich so viele Studenten in Österreich, während ihres Studiums in eine Wohngemeinschaft zu ziehen? Es gibt kaum andere Möglichkeiten: „Plätze in den Studentenheimen sind sehr begrenzt, weiterhin bei den Eltern zu wohnen käme für viele nicht in Frage und eine eigene Wohnung kann sich kaum einer leisten“, erzählt die 20-jährige Studentin Jana.

Der Mietpreis-Check als Beleg

Dies bestätigt auch der Mietpreis-Check, welcher in diesem Jahr von Immowelt.de in den österreichischen Studentenstädten durchgeführt wurde. Er vergleicht, wie die Mietpreise für WGZimmer in der Gegenüberstellung zu eigenen Einzimmerwohnungen ausfallen. Das größte Sparpotenzial bietet das WG-Leben in Graz, dort ist ein WG-Zimmer im Schnitt bis zu 24 Prozent günstiger, als eine Singlewohnung. In Linz spart man mit Wohngemeinschaften etwa 17 Prozent, in Innsbruck 16 Prozent und in Salzburg 14 Prozent, in Wien liegt der Preisunterschied hingegen nur bei neun Prozent. Allgemein wird wohnen in Österreich immer teurer, besonders der Hauptstadt Wien. Dort sind die Mietpreise in den letzten Jahren um 32,4 Prozent gestiegen. So bezahlen Wiener Studenten durchschnittlich 375 bis 400 Euro für ein WG-Zimmer.

Noch am selben Abend klingelt Janas Handy. Eine SMS, die Nummer unbekannt. „Gratulation, du hast am besten abgeschnitten, wir würden uns freuen, dich in unsere WG aufzunehmen. LG.“ Es ist ihre erste Zusage und doch sagt sie nach reichlichem Überlegen ab. Es lag nicht an der Wohnung, es lag nicht an dem Mietpreis, sondern an der mangelnden Menschlichkeit. Drei Tage später steht ein neuer Besichtigungstermin an, Nummer sechs insgesamt. Der Preis ist okay, die Lage ist okay, die Wohnung ist okay, im Großen und Ganzen nichts Besonderes – und irgendwie doch. Eine Jury gibt es dieses Mal keine, dafür ein nettes Gespräch bei einer Tasse Kaffee. In Gedanken zieht Jana bereits zu diesem Zeitpunkt ein. Zwei Wochen später ist es dann tatsächlich soweit: Jana wohnt und sucht nicht mehr.

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