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Eine kleine Nadel spaltet die Welt

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Eine kurze Geschichte des Impfens „Lässt du dich gegen COVID impfen?“ Diese Frage wurde in den letzten Wochen weltweit sicher in den unterschiedlichsten Sprachen und, wahrscheinlich ohne Übertreibung, milliardenfach gestellt. Dieselbe Frage haben wir auch den Abonnentinnen und Abonnenten unseres Instagram-Auftritts gestellt und das Ergebnis ist eindeutig: 87 Prozent haben angegeben sich impfen lassen zu wollen. Der Rest bleibt skeptisch bis ablehnend.

Corona-Cluster Schulen?

Die Bildungseinrichtungen wie Kindergärten, Schulen und Universitäten stehen weltweit im Fokus der Corona-Politik. Die Grundfragen lauten: Offen lassen oder schließen? Präsenz- oder Online-Unterricht? Selbst Expertinnen und Experten sind sich darüber nicht einig. Unbestritten ist allerdings, dass sich eine dauerhafte Schließung sicher nicht positiv auf all jene jungen Menschen auswirkt, die mitten in ihrer Ausbildung stehen und dadurch auch bis zu einem gewissen Grad stecken bleiben. Lösungen wie häufiges Lüften und warm angezogen und vermummt in den Klassenräumen sitzen, regelmäßiges Händewaschen, Maskentragen und das auch nicht unumstrittene Freitesten haben nicht nur Befürworter. Wie es scheint, kann nur eine funktionierende Impfstrategie Abhilfe schaffen. Impfstoffe gibt es ja bereits mehrere, auch wenn es momentan noch zu Lieferengpässen kommt.

„Bin kein Impfgegner, halte es bei mir nur nicht für notwendig. Erst wenn ich dadurch in irgendeiner Form eingeschränkt werde.“
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Impfen: Eine Erfolgsgeschichte

Impfungen gibt es nicht erst seit gestern und Schuld daran sind die Pocken. Diese auch Blattern oder Variola genannte Infektionskrankheit gehörte lange Zeit zu den gefährlichsten gesundheitlichen Bedrohungen der Menschheit. Pockenviren konnten durch Tröpfcheninfektion direkt von Mensch zu Mensch übertragen werden. Tröpfcheninfektion könnte es leicht in die Top-Ten-Unworte des letzten Jahres schaffen. Mit Pocken konnte man sich außerdem durch Einatmen von Staub anstecken, der z. B. beim Ausschütteln von Kleidung oder Decken von Pockenkranken aufgewirbelt wurde. Diese Krankheit war vor allem in Europa und Asien weit verbreitet und die Sterblichkeit betrug rund 15 Prozent. Die Tatsache, dass eine überstandene Krankheit vor einer weiteren Infektion schützte, rief experimentierfreudige Mediziner bereits sehr früh auf den Plan. In asiatischen Ländern war es seit Jahrhunderten sogar üblich, gesunde Menschen durch die Inokulation des Sekrets aus den Pusteln von Pocken-Patienten zu infizieren. Im Normalfall erkrankte man darauf nur leicht und war danach immun.

„Ja, zu meinem Schutz.“
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Von der Inokulation zur Vakzination

Die Britin Mary Wortley Montagu lernte dieses Verfahren 1718 in Konstantinopel kennen. Nach ihrer Rückkehr konnte sie englische Ärzte überzeugen, es ebenfalls anzuwenden. Viele Schulmediziner akzeptierten diese Vorgangsweise trotz ihrer Risiken und versuchten die Virulenz des Pocken-Sekretes mit verschiedenen Verfahren abzumildern.

Der Landarzt Edward Jenner (1749 bis 1823) beschritt einen neuen Weg. Er erkannte, dass Personen, die sich mit „Kuhpocken“ infiziert hatten, ebenfalls immun waren. Kuhpocken (auch Rinderpocken genannt) sind eine milde pockenartige Erkrankung, die lange Zeit hauptsächlich Rinder befallen hatte. Um seine Theorie zu beweisen, ging er ein Risiko ein, das heute wohl für Entsetzen sorgen würde: 1796 impfte er einen achtjährigen Jungen, der bisher von den Pocken verschont gebliebenen war, mit dem Pustelsekret einer an Kuhpocken erkrankten Magd. Erwartungsgemäß erkrankte auch das Kind. Ein paar Wochen später inokulierte er dem Knaben Pockensekret. Diesmal blieb der Bursche gesund. Diese Vakzination (nach vacca = Kuh) setzte sich im Eiltempo in ganz Europa durch.

„Keine Langzeitstudien, kein Erfolgsgarant.“
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Ein Durchbruch bei den Pocken

Nach Jenners Vorbild wurde die Lymphe von Menschen gewonnen, die frisch mit Kuhpocken infiziert waren. Der erste „offizielle“ Pockenimpfstoff mit einer brauchbaren Haltbarkeit war entwickelt. In Österreich erfuhr der Arzt Johann Peintinger (1768–1846) davon, dessen Heimatregion Leoben immer wieder von Pockenepidemien heimgesucht wurde. Der Steirer holte sich von Jenner das nötige Fachwissen und begann 1798 als erster Arzt in Österreich mit der Pockenimpfung. Bereits zwei Jahre später wurde in Brunn am Gebirge in Niederösterreich die erste öffentliche Massenimpfung durchgeführt. Im Jahr 1803 wurde die Inokulation in Österreich verboten und fünf Jahre danach wurden die ersten Impfvorschriften eingeführt. Es ist erwiesen: Bis zur Erfindung der Inokulation und deren Weiterentwicklungen waren wir den Seuchen schutzlos ausgeliefert. 1923 gab es den letzten Pockenfall in der Alpenrepublik.  Der letzte Fall von Echten Pocken wurde 1975 in Bangladesch dokumentiert, der letzte Fall von Weißen Pocken 1977 in Somalia. Am 8. Mai 1980 wurde von der WHO verlautbart, dass die Pocken ausgerottet sind. Für das weltweite Impfprogramm wurden 2,4 Milliarden Impfdosen verabreicht und 300 Millionen Dollar ausgegeben. Mehr als 200.000 Helfer*Innen waren daran beteiligt.

„Ja, um Normalität wiederherzustellen.“
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Es folgte Schlag auf Schlag

Nach der Entdeckung Jenners nahm die Entwicklung von neuen Impfstoffen rasant an Fahrt auf. Forscher wie Louis Pasteur (1822 – 1895), Robert Koch (1843 – 1910), Emil von Behring (1854 – 1917) und Paul Ehrlich (1854 – 1915) holten sich Anregung aus einer brandneuen Wissenschaft:  der Bakteriologie. Es waren allerdings vor allem empirische Strategien, die zum Erfolg führten, denn die Erreger zahlreicher Infektionskrankheiten konnten damals noch nicht identifiziert werden. Es folgten Seren gegen Milzbrand, Tollwut und, ein besonderer Meilenstein in der Impfforschung, gegen Diphterie.

Als letzte große Erfolgsgeschichte der Schutzimpfung galt lange die Schluckimpfung gegen Kinderlähmung (Poliomyelitis). Den Impfstoff entwickelte Jonas Salk (1914 – 1995), indem er in kultivierten Affennierenzellen abgeschwächte Viren züchtete und sie mit Formaldehyd inaktivierte.

Diese Impfung führte auch zu einem Schutz von nicht geimpften Personen, da das Wildvirus aus der Bevölkerung verdrängt wurde.

„Ja, weil ich wieder ein normales Leben führen möchte und weil Impfungen sehr ungefährlich sind im Vergleich zu Krankheiten und anderen Medikamenten.“
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Impfen: Pflicht oder Kür?

In Österreich besteht derzeit keine Impfpflicht, lediglich Empfehlungen. Es gab jedoch Impfpflichten, beispielsweise ab 1939 gegen Pocken. Auch wenn Österreich pockenfrei war, Europa war es noch lange nicht. Die letzte Pockenepidemie in Deutschland fand beispielsweise Anfang 1970 statt, als ein 20-Jähriger die Pocken einschleppte und insgesamt 20 Personen infizierte. Die Narben der Pockenimpfung am Oberarm zeugen bei vielen Menschen heute noch von dieser Impfung. In anderen Ländern gibt es auch heute noch Impfpflichten, wenn auch manchmal nur für bestimmte Personengruppen oder Krankheiten:

  • In Belgien besteht Impfpflicht gegen Kinderlähmung.
  • In Frankreichbesteht Impfpflicht gegen Diphtherie, Hepatitis B, Hib, Keuchhusten, Kinderlähmung, Masern, Mumps, Pneumokokken, Röteln, Tetanus und
  • In Italiengibt es eine Impfpflicht gegen Diphtherie, Hepatitis B, Hib, Keuchhusten, Kinderlähmung, Masern, Mumps, Röteln, Tetanus und
  • In Tschechienbesteht Impfpflicht gegen Diphtherie, Hepatitis B, Hib, Keuchhusten, Kinderlähmung, Masern, Mumps, Röteln und Tetanus.
  • In Ungarnmuss gegen Diphtherie, Hepatitis B, Hib, Keuchhusten, Kinderlähmung, Masern, Mumps, Röteln, Tetanus und Tuberkulose geimpft werden.
  • In Griechenland, Kroatien, Lettland, Malta, Polen, der Slowakeiund Sloweniengibt es eine vergleichbare Impfpflicht.
  • Für Haddsch-Pilger besteht Impfpflicht gegen Meningokokken.
  • In den USAbesteht für Soldaten eine Impfpflicht gegen Milzbrand, in Deutschland gegen Wundbrand.
  • Weiters gibt es Länder, in denen Gelbfieberdurch Stechmücken übertragen wird und die eine Gelbfieberimpfung bei der Einreise verlangen.
  • Auch in der DDR gab es eine gesetzliche Impfpflicht. Impfungen galten als Ausdruck des Gleichheitssatzes und als Versprechen, die Zukunft gestalten zu können.

„Ja, um die Verbreitung zu stoppen und gefährdete Personen dadurch zu schützen.“
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Es sind nie alle einer Meinung

Die Geschichte der Impfgegner ist fast so alt wie die der Impfung selbst. Selbst der Philosoph Immanuel Kant hat davor gewarnt, dass den Menschen mit den Kuhpocken auch die „tierische Brutalität“ eingeimpft werde. Nach der Einführung der Impfpflicht wurden die Proteste noch lauter. Es bildeten sich lokale „ Impfzwanggegnervereine“ und ab 1876 erschien das Periodikum „Der Impfgegner“. 1874 etablierte sich in Hamburg ein Anti-Impfverein und Österreich zog nach. Die Nazis hielten die Impfpflicht sogar für eine „jüdische Erfindung, um die Menschheit der Geldherrschaft zu unterwerfen“. Parallelen zu heutigen Argumenten sind dabei durchaus erkennbar.

Am 23. November 2019 sprach sich der Präsident der Österreichischen Ärztekammer Thomas Szekeres für eine Impfpflicht betreffend aller empfohlenen Impfungen aus. Die Durchimpfungsrate beträgt derzeit 80 %. Die WHO empfiehlt 95 Prozent. Szekeres könnte sich sogar vorstellen, dass Sozialleistungen für Nichtgeimpfte reduziert werden. Er hat sich damit nicht nur Freunde gemacht.

„Ich vertraue der Medizin. Ich vertraue den Profis. Es ist Chemie, ja. Aber das ist nicht automatisch schlecht.“
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Ist Impfen gefährlich?

Auch wenn kritische Argumente überwiegend allgemeiner Art waren, so gab es dennoch auch berechtigte Kritik. Wie fast alles, so hat auch das Impfen zwei Seiten, die es gegeneinander abzuwägen gilt. So barg die Anwendung der humanisierten Kuhpockenlymphe die Gefahr der Übertragung anderer Infektionskrankheiten, insbesondere der Syphilis. Allerdings erlebte etwa die Hälfte der Kinder im ländlichen Raum vor der Einführung der Kuhpockenimpfung ihren fünften Geburtstag nicht.
Im skandinavischen Raum und in Irland gab es 2015 eine Impfkampagne, bei der über 1500 Menschen, die gegen Grippe geimpft worden waren, an Narkolepsie, der Schlafkrankheit, erkrankten. In dem Impfstoff Pandremix wurde eine hohe Konzentration eines bestimmten Antikörpers gegen einen Neuro-Rezeptor festgestellt. Bei den Studien an gesunden Probanden*Innen war das nicht aufgefallen. Auf der anderen Seite führt die „echte Grippe“ zu einer bedeutenden Zahl gefährlicher Komplikationen, insbesondere bei Älteren und Vorerkrankten. Immerhin sterben jedes Jahr weltweit vermutlich zwischen 290.000 und 645.000 Menschen an Atemwegserkrankungen infolge einer Influenza-Infektion. Nicht zu vergessen sind jene Menschen, die bisher unter den negativen Effekten der COVID-Impfung leiden. Es sind nicht viele, aber es gibt sie.

„Benefits outweigh the negatives.“
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Was macht der Corona-Impfstoff?

Abgesehen vom russischen „Sputnik“ wurden die allerersten Corona-Impfstoffe im Dezember 2020 zugelassen. Bei der Herstellung eines Vakzins gegen SARS-CoV-2 setzten die Hersteller vor allem auf neue Methoden, wie die sogenannte mRNA-Impfung oder Vektorimpfstoffe. Bei herkömmlichen sogenannten „Lebend- und Totimpfstoffen“ werden ganze Viren oder Virenreste geimpft. Diese müssen allerdings erst zeitaufwändig hergestellt werden, was in Pandemiezeiten, in denen jeder Tag zählt, problematisch ist. Bei genbasierten Impfstoffen wie dem mRNA-Impfstoff wird lediglich der Bauplan für ein Merkmal des Virus verabreicht: das Spike-Protein. Der Körper lernt dadurch, seinen eigenen Impfstoff herzustellen. Genbasierte Impfstoffe verändern unser Erbgut nicht, lassen sich schnell produzieren und benötigen nur wenige andere Inhaltsstoffe. Das Vakzin von Biontech-Pfizer ist zum Beispiel ein mRNA-Impfstoff.

„Ja, denn ich weiß nicht wie die Pandemie sonst demnächst enden soll und ich will nicht daran erkranken.“
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Impfen: Ja oder nein?

Ob man sich jetzt impfen lässt oder nicht, sollte dennoch eine persönliche Entscheidung bleiben. Die Entscheidungsgrundlagen, sich dagegen zu entscheiden, können mannigfaltig sein. Manche haben Angst vor Nebenwirkungen, manche haben bereits schlechte Erfahrungen gemacht oder bilden es sich zumindest ein. Natürlich spielen hier auch Verschwörungstheorien eine wichtige Rolle. Diese Fake-News gab es immer schon, die Digitalisierung erleichtert nur ihre Verbreitung immens. Wer selbst zu einer der Risikogruppen zählt, täte gut daran sich einen Impftermin auszumachen. Eines dürfte klar sein: Die Impfung ist momentan der einzige Weg, wie unsere Gesellschaft wieder zurück zur Normalität finden kann. Oder sagen wir zu jener Normalität, die vor Corona herrschte. Offene Schulen und Universitäten. Gut besuchte Kulturveranstaltungen sowie Einkaufen und Öffi fahren ohne Maske! Es wäre eine Wohltat wieder dort weiterzumachen, wo wir 2019 aufgehört haben.

„Ich sehe es als die beste Möglichkeit, das Leben wieder halbwegs zu normalisieren.“
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Ein Artikel von Markus Neumeyer (der sich übrigens auch impfen lässt, um wieder normal leben zu können/dürfen)

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