Selbstständig nach Studium
Selbstständig nach Studium

Selbstständig nach dem Studium: Machen oder lassen?

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Sich nach dem Studium selbstständig zu machen ist der Traum vieler. Großer Entscheidungsspielraum, maximale Freiheit und Flexibilität ohne Grenzen sind nur einige der Motive für die Selbstständigkeit. Doch wie sinnvoll und aussichtsreich ist der Traum vom eigenen Unternehmen nach dem Studium? Was erwartet einen, wenn man sich nach dem Studium selbstständig macht und was sollte man vor dem Start ins Unternehmertum beachten? Das SOFA-Magazin hat recherchiert und mit vier selbstständigen Alumni gesprochen.

Montag, 07:30 Uhr: Der Wecker läutet. Ein Gähnen, zwei Butterbrote und ein paar Tassen Kaffee später sitzt Lina vor ihrem Laptop und blickt auf ihre lange To–Do-Liste. Doch anstatt an ihrem Job zu zweifeln und in Motivationslosigkeit zu versinken, sieht Lina ihrem Arbeitstag positiv entgegen. Denn Lina ist seit Anfang des Jahres ihr eigener Boss: „Ich habe mich als Einzelunternehmerin nach dem Studium selbstständig gemacht und betreue Unternehmen in ihrem Online–Auftritt.“ Als Marketing-Assistenz fungiert Lina als Ansprechperson für Social Media, Website-Gestaltung und Online-Kommunikation. Was ihr dabei besonders Spaß macht? „Projekte gemeinsam mit Kunden zu verwirklichen, Erfolge zu teilen und Einblicke in Unternehmen zu bekommen.“

Lina ist nicht alleine. In Österreich gab es gemäß Statistik Austria im Jahr 2019 fast 483.000 Selbstständige. Dies entspricht immerhin 11 Prozent der Erwerbstätigen. Laut einer Studie der Volksbank weisen Entrepreneure ein überdurchschnittlich hohes Bildungsniveau auf. Insgesamt verfügen 60 Prozent der Unternehmer über eine höhere Ausbildung als die klassische Matura und ganze 20 Prozent über einen akademischen Abschluss. Welche Rolle spielt das Studium also für die Gründung eines eigenen Unternehmens und die Karriere und welche Tipps können selbstständige Alumnis geben?

Praxiserfahrung und Soft Skills durch Studium

„Was ich aus meinem Studium mitnehmen konnte, war ein gutes Basiswissen, praktische Erfahrung und ein gewisses Selbstvertrauen“, so Gründerin Lina. Eine Studie des Bundesministeriums für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort (BMDW) zeigt jedoch, dass es in Österreich Verbesserungspotential hinsichtlich unternehmerischer Bildung und unternehmerischem Wissen gibt. Insbesondere im universitären Bereich weist Österreich im Vergleich zu Deutschland und der Schweiz Defizite auf. Als Vorreiter werden hingegen Fachhochschulen gesehen, die eine Verknüpfung zwischen Wirtschaft und Studium schaffen. Genau dadurch wird die Neigung zur Gründung erhöht. Coachings und Wissenstransferzentren können zusätzlich unterstützen.

Auch Sabina hat sich nach dem Studium erfolgreich selbstständig gemacht und macht mit ihrer eigenen Event-Agentur Karriere. „Mein Herzstück heißt Eventerei. Ich organisiere Veranstaltungen unterschiedlicher Art, zum Beispiel Kongresse, aber auch Hochzeiten.“ Damit Sabina nicht langweilig wird, geht sie gleichzeitig einem klassischen 9–to–5–Job als Mitarbeiterin im Vertrieb nach. Zu viel des Guten? Fehlanzeige. „Wenn ich diesen Druck hätte, unbedingt Aufträge zu benötigen, würde ich nicht mehr das Richtige ausstrahlen und deswegen passt die Kombination gut so“, erzählt die Grazerin. Was sie im Studium gelernt hat und für die Selbstständigkeit wichtig ist? „Gutes Zeit- und Projektmanagement, praktische Erfahrungen sammeln, um selbstsicherer zu wirken und Selbstmotivation.“

Bürokratie und Behördendschungel in der Selbstständigkeit

Dass es trotz Studium zu Schwierigkeiten in der Unternehmensgründung kommen kann, zeigt eine Befragung der Statistik Austria. Dabei hat die Hälfte der Unternehmer mit Hochschulabschluss angegeben, dass rechtliche und administrative Angelegenheiten in der Selbstständigkeit Probleme bereiten. In der Studie des BMDW nennen besonders viele Experten (97 Prozent) die Bürokratie als zentrales Hemmnis für die Gründung. Steuererklärungen, Behördengänge und die Urlaubsplanung stellen auch Lina auf eine Geduldsprobe. „Ich muss ja schlussendlich nicht nur bei einem Unternehmen in den Urlaub gehen, sondern gleich mehrere Projekte pausieren oder vor- und nacharbeiten. Organisatorische Hürden im Gründungsprozess sind wir im Studium aber nie so im Detail durchgegangen. Das Ganze ist also eher ein Learning–by–doing–Prozess“, so die junge Unternehmerin.  

Obwohl Österreich als Behördendschungel gilt, werden Hindernisse im europäischen Vergleich unterdurchschnittlich stark wahrgenommen. Vor allem die Angst vor der Finanzierung ist laut Statistik Austria geringer. Ein möglicher Grund dafür sind die öffentlichen Förderprogramme des Landes. Diese werden laut BMDW-Studie von 66 Prozent der befragten Experten als begünstigender Faktor gesehen und liegen damit vor anderen europäischen Ländern wie der Schweiz (22 Prozent) und den Niederlanden (9 Prozent). „Es gibt definitiv viele Angebote und Gründungszentren. Man muss einfach selbst aktiv und präsent sein und darf nicht glauben, dass einem die Infos von selbst zugeflogen kommen“, bestätigt Sabina. 

Verantwortung und Flexibilität als Motive

Selbstverantwortlichkeit stellt auch für Alice das A und O ihrer Arbeit dar. Sie ist Psychotherapeutin und hat sich nach dem Studium selbstständig gemacht. Konkret arbeitet Alice seit 2019 als „Neue Selbstständige“ in einer Gemeinschaftspraxis. Neben ihrer Haupttätigkeit als Therapeutin ist sie zusätzlich ihre eigene Sprechstundenhilfe und kümmert sich um Koordination und Marketing. Was für viele nach Stress en masse klingt, stellt für Alice eine angenehme Abwechslung dar.  

„Mein Arbeitsalltag ist dadurch äußerst vielfältig. Gleichzeitig habe ich viel Autonomie und Eigenverantwortung, so kann ich das gesamte therapeutische Konzept einplanen und muss nicht auf eine Unternehmensstruktur Rücksicht nehmen.“ Eine Studie des WKO-Gründungsservices bestätigt, dass gerade die Motive „Der eigene Chef sein“ (72 Prozent), „Flexiblere Zeit- und Lebensgestaltung“ (71 Prozent) und „Verantwortung im eigenen Unternehmen“ (64 Prozent) für die Unternehmensgründung ausschlaggebend sind. In einer Befragung der Statistik Austria nennen neun von zehn Unternehmern mit Hochschulabschluss die Faktoren „Wunsch nach einer neuen Herausforderung“ und „Hobby zum Beruf machen“ als Gründe.

„Nach dem Studium ist man noch jung.“

Genau diese Motive haben auch Lisa dazu bewogen, den Schritt ins Unternehmertum zu wagen. Mit ihrer eigenen Foto- und Videografie-Produktionsfirma befindet sich Lisa gerade mitten im Gründungsprozess, den sie noch 2020 abschließen möchte. „Am meisten Spaß macht mir, dass ich kreativ sein kann und die Arbeit ausübe, für die ich gerne jeden Tag aufstehe“, erzählt Lisa. Dass nicht immer alles rund und perfekt laufen wird, darüber ist sich Lisa im Klaren. „Das Ganze bringt sehr viel Verantwortung mit sich, weil du überhaupt nicht weißt: Wird es funktionieren? Kann ich meine Rechnungen zahlen?“ Dennoch rät Lisa jedem, der sich selbstständig machen möchte, es einfach zu probieren. „Nach dem Studieren ist man noch jung. Wenn es nicht funktioniert, ist man um eine Erfahrung reicher“, so die baldige Unternehmerin.  

Ein ausgereifter Business–Plan und eine Konkurrenz-Analyse sollten laut der Eventplanerin Sabina dennoch nicht fehlen. Lina rät zusätzlich dazu, sich erstmal Gedanken über die eigenen Finanzen zu machen. Gleichzeitig sollte man sich Fragen stellen wie „Ist der Markt für meine Geschäftsidee da?“, „Kann ich damit genug Geld verdienen?“ und „Wie lang kann ich eventuell auch ohne Geld auskommen?“ 

Risiko in der Selbstständigkeit ist unterschiedlich groß

Wie herausfordernd die Selbstständigkeit sein kann, zeigt vor allem das Jahr 2020 aufgrund der Covid-19–Krise. Wie sich die Situation in 2021 entwickelt, ist noch offen. „Die Selbstständigkeit ist einfach mit einem sehr hohen Risiko verbunden, gerade wenn es zu Ausfällen aufgrund von Krankheit oder Krisen kommt“, bestätigt Alice. Auch bei Sabina liegen die Aufträge momentan flach, da Events nicht stattfinden können und daher verschoben werden. Aber die Entrepreneurin versucht optimistisch zu bleiben: „Ich nutze die Zeit gut, um andere Dinge zu machen, für die ich sonst kaum Zeit habe, beispielsweise meine Webseite und Visitenkarten zu gestalten.“ Lina hingegen spürt mit ihrer Online-Marketing–Agentur kaum Auswirkungen der Krise. „Die Aufgaben haben sich einfach für ein paar Kunden verändert bzw. verlagert, aber beschäftigt war ich zum Glück immer gut“, erzählt sie. Das Risiko ist daher schlussendlich auch vom Unternehmensgegenstand und -Idee abhängig. 

Auf die eigene Leistung kommt’s an

Im Endeffekt muss wohl jeder für sich selbst entscheiden, ob es das Risiko wert ist sich nach dem Studium selbstständig zu machen. Inwiefern man nach der Unternehmensgründung auf dem Boden der Tatsachen oder ganz oben auf der Karriereleiter ankommt, hängt letztendlich auch von der eigenen Leistung ab.  

„Es gilt immer präsent zu sein und alles zu geben, da der Aufbau eines Klientenstammes stets von dem persönlichen Bemühen abhängt“, so Alice. In Summe überwiegen für Alice aber die positiven Faktoren in der Selbstständigkeit nach dem Studium, da sie dadurch ihre eigenen Stärken erkennen und einbringen kann. „Wenn ich so darüber nachdenke, kann ich mir keine Tätigkeit vorstellen, die mir mehr Freude bereiten würde“, so Alice abschließend und mit einem breiten Lächeln im Gesicht. 

Alice Stoisser
Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision
www.psychotherapie-stoisser.at 

Lina Stauffer
Virtuelle Marketing–Assistenz
www.linastauffer.at 

Lisa Schmerold
Foto– und Videografin für Social Media
www.instagram.com/palmtreepictures_/ 

Sabina WachmannEvent- und Hochzeitsplanerin
www.eventerei.at 

Hilfreiche Links: 

WKO Gründerservice: www.gruenderservice.at/
Förderungen für Jungunternehmer in Österreich: www.selbststaendig-machen.at/foerderungen-fuer-jungunternehmer-in-oesterreich/
Förderungen der Bundesländer:

Wien: www.wirtschaftsagentur.at 
Niederösterreich: www.noe.gv.at 
Burgenland: www.wibag.at 
Kärnten: www.kwf.at 
Tirol: www.tirol.gv.at 
Vorarlberg: www.vorarlberg.at 
Oberösterreich: www.kgg-ubg.at 
Steiermark: www.sfg.at 
Salzburg: www.salzburg.gv.at

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