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Wer will heute noch Lehrer werden?

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ehrer müsste man sein! Dann hätte man den ganzen Sommer frei. Lehrer können sich wochenlang auf die faule Haut legen und müssen nicht akribisch Urlaubstage zählen. Hand aufs Herz: Wer hatte diese Gedanken noch nicht? Der Beruf ist von Klischees und Vorurteilen geprägt. Kaum ein Berufsstand wird öffentlich derart diskutiert und auch kritisiert. Kritisiert werden immer wieder auch die Ausbildung und Arbeitssituation der Lehrer. Von einem Traumjob kann da kaum die Rede sein. Oder?

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Einen bitteren Beigeschmack erhält der Lehrer-Beruf durch Einblicke in den manchmal brutalen Schulalltag. Zuletzt gesehen in Videos aus einer Klasse der HTL-Ottakring. Darauf war zu sehen, wie Schüler einen Lehrer schikanieren, bis dieser schließlich die Fassung verliert und einen Schüler anspuckt. Monate zuvor soll es immer wieder zu Schikanen und Provokationen gekommen sein. Die Videos zeigen Schüler außer Rand und Band. Der Lehrer steht hilflos vor der Klasse. Ausnahmesituation oder Alltagsszenen?

Warum tut man sich also den Lehrer-Beruf überhaupt noch an? Soll man heute überhaupt noch Lehrer werden? Das hat Sofa fünf Junglehrer quer durch Österreich gefragt. Auch eine Lehramtsstudentin kommt zu Wort. Die Antworten waren überraschend ähnlich.

Beinahe unisono sagen sie: „Es ist vor allem die Abwechslung, die Vielseitigkeit, die den Beruf so einzigartig machen.“ Auch die Tatsache, dass man als Lehrer in der Gesellschaft etwas bewirken kann, spielt für sie eine wesentliche Rolle. Dennoch haben sich die Anforderungen an Lehrer geändert.

Werden Schüler immer schlimmer?

Aber was ist mit den Schattenseiten des Berufs, wie sie etwa am HTL-Ottakring-Video sichtbar wurden? Werden Schüler immer schlimmer?

„Das sehe ich nicht so“, sagt Verena. Sie ist Mitte Dreißig, unterrichtet in einem Gymnasium in Salzburg und ist überzeugt: „Schüler werden nicht schlimmer, sie sind nur anders.“ Ihre Kollegin stimmt dem zu und ergänzt: „Sie sind heute selbstbewusster und haben Erwartungen an die Lehrkraft.“

"Man muss ein Händchen dafür haben."

Marlene studiert Lehramt Biologie und Geschichte in Wien. Sie meint: „Man wird als Lehrer immer auf schwierige Situationen treffen. Dennoch muss man ein Händchen dafür haben, richtig mit herausfordernden Situationen umzugehen.“

Martin steht noch am Anfang seiner Berufslaufbahn. Seit Kurzem unterrichtet er in Krems. Er macht kein Geheimnis daraus, dass es auch verhaltensauffällige Schüler gibt. Jedoch könne er sich auf die Direktion verlassen, die bei Problemfällen hinter dem Lehrerteam stehe.

Kritik an der Lehrer-Ausbildung

Selbstverständlich unterscheiden sich die Anforderungen an Lehrer je nach Situation und Schule. Die Kritikpunkte sind aber bei den meisten Lehrern dieselben. Zwei Dinge werden besonders kritisiert: Zum einen ist es der enorme Bürokratieaufwand, zum anderen ist es der fehlende Praxisbezug in der Ausbildung.

"Der Bürokratie-Aufwand ist enorm"

Verena stößt als Lehrerin auch mal an ihre Grenzen, weil die Organisation enorm viel Zeit und Energie raubt. Der Verwaltungsaufwand ist für sie eine große Last. „Ich hätte mir nie träumen lassen, dass das so viel ist“, gesteht sie. Neben umfangreichen Leistungsaufzeichnungen müssen sich Lehrer auch sonst als Organisationstalente erweisen.

„Entschuldigungen einsammeln, Reisen planen, durchführen und vorfinanzieren. Dazu Fachsitzungen, Konferenzen und andere diverse Extras“, zählt Verena ihre Aufgaben auf, die sie so nebenbei aus der Hand schütteln soll. Da gehe viel wertvolle Zeit verloren. Auch ihre Kollegin sieht dies eigentlich nicht als ihre Kernaufgabe und empfindet den enormen Verwaltungsaufwand als sehr belastend.

Dokumentation dient zum Eigenschutz

Die Sofa-Redaktion hat Eva-Maria Engelsberger von der Bildungsdirektion in Salzburg um ihre Einschätzung gebeten. Sie ist die Leiterin der Stabstelle für Bildungscontrolling, Kommunikation und Schulpartnerschaft. Die Bildungsdirektion versteht sich als Verwaltungsbehörde für den gesamten Schulbereich. Sie ist grob gesagt die Ebene zwischen den Schuldirektionen und dem Bundesministerium für Bildung. Engelsberger stellt klar: „Die Leistungsaufzeichnung gehört zum Job des Lehrers, das wird sich nicht ändern.“ Dass der zusätzliche Dokumentationsaufwand immer mehr wird, wäre heute in keinem Bürojob anders. „Das ist nunmal ein Zeichen der Zeit“, argumentiert sie. Als Lehrer solle man schließlich aus Eigeninteresse und Eigenschutz alles genau dokumentieren, um somit im Sinne der kontinuierlichen Verbesserung und Qualitätsentwicklung mit einer guten Daten- und Wissensbasis Rückschau halten zu können.

Viel Theorie, wenig Praxis

Die Junglehrer kritisieren auch, dass die Universität nicht ausreichend auf den Schulalltag vorbereitet. „Die Praxis kommt in der Ausbildung viel zu kurz“, sagt uns zum Beispiel Verena. Man sei als Lehrer heute Vertrauensperson, Psychologe und Sozialbetreuer gleichzeitig und habe oftmals mit belastenden Situationen zu tun. Auch mit psychischen Problemen von Schülern sei man konfrontiert und als Junglehrer oftmals überlastet. Ihre Kollegin aus Salzburg erzählt uns von einem Suizid eines Schülers, der sie persönlich sehr belastet hat. Neben der persönlichen Betroffenheit müsse man professionell für die Schüler da sein. „Diese Problematik wird im Studium nicht mal angeschnitten“, kritisiert sie.

Verena ergänzt: „Der Umgang mit Eltern oder Schülern, die Probleme haben – all das wird nicht gelehrt. Das hätte ich oft gut brauchen können.“ Die anderen stimmen zu. „Ich hätte mir auf jeden Fall mehr Praxis in der Ausbildung gewünscht“, sagt auch Martin.

"Die Praxis kommt in der Ausbildung zu kurz"

Probleme sind bekannt

Engelsberger bestätigt die Problematik. „Das Problem ist uns bekannt. Auch wir würden uns mehr Praxis wünschen“, sagt sie offen.

Bei Verena war es das einjährige verpflichtende Unterrichtspraktikum, das diese Mängel der fehlenden Praxis ausgebügelt hat. Das Praktikum war bis vor Kurzem am Ende jedes Lehramtsstudiums vorgesehen. Durch die Umstellung des Curriculums wurde dies jedoch gestrichen. Dazu meint Engelsberger: „Vorher hat es ja das Unterrichtspraktikum gegeben, jetzt wird man im ersten Jahr als Pädagoge gleich angestellt. Da sehen wir bei der Begleitung einen Rückschritt. Man bekommt zwar einen Mentor an die Seite gestellt, aber es erfordert viel mehr Eigenständigkeit. Jungkollegen hätten eine intensivere Betreuung verdient.“

 

Beim Lehramts-Studium entspricht die Realität kaum den Erwartungen, wie auch dieser SOFA-Magazin-Artikel zeigt. „Soll ich Lehrer werden?“, hat sich Verena Limmer gefragt und ihre Erkenntnisse geteilt.

Wünsche an die nächste Lehrer-Generation

Dennoch zeigt sich Engelsberger überzeugt: „Man muss sich erst anschauen, wie sich die jungen Kollegen mit neuer Ausbildung beweisen. Zurzeit wird an dem neuen Curriculum viel Kritik geübt, aber einen echten Vergleich gibt es noch nicht. Geben wir den jungen Kollegen eine Chance.“

Sie formuliert einen konkreten Wunsch für alle Lehrer von morgen: „Ich wünsche mir, dass Pädagogen ihr Geschäft mit Herz und Hirn und voller Leidenschaft machen. Es geht um die Kinder, um eine gute, zukunftsfähige Gesellschaft.“

Und was raten die jungen Lehrer all jenen, die auch Lehrer werden wollen?  Marlene ist sich sicher: „Alleine für die Fächerkombination, die man wählt, zu brennen, reicht nicht. Man muss mit Jugendlichen arbeiten wollen und man muss ihnen etwas beibringen wollen. Ansonsten geht man in dem Beruf kaputt.“

Verena fügt hinzu: „Die Anforderungen an die Lehrperson haben sich stark verändert. Unterrichten ist nur mehr ein kleiner Teil. Man braucht auf jeden Fall viel Optimismus und Engagement. Und man sollte über den eigenen Tellerrand hinaussehen, sich in die Schulgemeinschaft einbringen und bei Projekten mitarbeiten, die vielleicht auch nicht finanziell abgegolten werden.“

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