Junge Ukrainerin Masha
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„Mein Vater darf nicht fliehen“

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Wie lebt man das eigene heile Leben in einem sicheren Land weiter, wenn die Familie jeden Tag um ihr Leben zittert? Wir haben mit Mariya „Masha“ Buynova in der 22. Folge des SOFA-Talks gesprochen, wie es ihr als Ukrainerin in Österreich während dem Krieg geht. Außerdem erzählt sie uns, welche Unterschiede zwischen der Ukraine und Österreich sie in ihrem Studienalltag erlebt hat und wie wichtig Geld für das Arbeitsvisum ist.

Samstag, 12:00 Uhr mittags. Die Sirenen heulen. Für uns ein ganz normaler Samstag. Für Mariya „Masha“ Buynova nicht. Auch wenn sie schon seit gut drei Jahren in Salzburg wohnt und das Prozedere der österreichischen Feuerwehren kennt, zuckt sie seit dem russischen Angriff auf ihr Heimatland vor rund 100 Tagen zusammen. An den 24. Februar 2022 kann sich Masha noch genau erinnern. „Eine Freundin in der Ukraine hat unser Skype-Meeting für den Abend abgesagt. Sie wusste damals nicht, ob sie einen sicheren Ort findet“, erzählt Masha. Etwas später auf dem Weg zur Arbeit beginnt sie die Nachrichten zu lesen. Als sie den Katastrophenalarm in einem Video von leeren Straßen in Kiew hört, kullern die ersten Tränen über ihre Wangen. „Ich verstand was passiert ist, ich konnte es aber nicht fassen und schon gar nicht akzeptieren. Auch wenn ich es akzeptieren muss“, meint sie. Freund:innen und Familie berichten ihr, dass Helikopter über ihren Köpfen kreisen und sie nicht sicher sind, ob und was sie schreiben können. Masha weiß, dass sie in die Arbeit muss. Ansonsten wäre sie „verrückt geworden“. Vor allem, weil sie weiß, dass ihre Bekannten und Verwandten in der Ukraine nun keine Zeit zum Antworten haben. Auch die darauffolgenden Tage geht sie wie jeden Tag zur Arbeit, um den Anschluss zur Realität in Österreich zu behalten.

Die Realität für ukrainische Studierende ist eine andere. Laut der Kulturabteilung des ukrainischen Konsulats in Wien sind die meisten Hochschulen in der Ukraine geschlossen. Anders als in Österreich heißt es dort nach zwei Jahren Pandemie weiterhin Distance Learning. Je nach Region sind einige Einrichtungen aber von Bomben zerstört und Lehrende haben keine Möglichkeit zu unterrichten. Masha kennt nur Schülerinnen und Schüler in der Oberstufe. Auch sie meinte, dass der Unterricht stattfindet, sofern sich alle an einem halbwegs sicheren Ort befinden.

Praxisnäher und kleiner in Österreich

Freilich ist aufgrund der aktuellen Lage das Studieren und auch Leben in der Ukraine anders als in Österreich. Vor Kriegsausbruch habe es aber kaum Unterschiede gegeben, meinte Masha. Sie hat ihren Bachelor in Kiew absolviert und ist dann nach Kufstein an die Fachhochschule für ihren Master gegangen. Nachdem ihre Schwester auch schon an einer österreichischen Fachhochschule studiert hat, hat sie Gefallen an dem praktisch orientierten Ansatz gefunden. Laut ihren Freunden war zwar der Praxisanteil auch in Masterstudiengängen an ukrainischen Hochschulen höher, im Bachelor verlief es aber sehr theoretisch.

Masha ist in einer Millionenstadt aufgewachsen und mit 20 Jahren in ein österreichisches Provinzstädtchen mit 17.000 Einwohnerinnen und Einwohnern gezogen. Einer der ersten Eindrücke in Kufstein war eine ältere Dame, die auf einer Parkbank saß und einfach nur die Sonne genoss. Masha spürte, wie die Dame nur im Moment lebte. Sie selbst war es von Kiew gewohnt, immer hektisch und gestresst zu leben. Das liege aber mehr an der Größe der Stadt und nicht dem Land bzw. der Kultur.

Ich war nicht geschockt oder so, als hätte ich das alles [Anm. Redaktion öffentliches Schwimmbad, Einkaufszentrum] noch nie gesehen

Mariya Buynova

Den unterschiedlichen Fortschritt der Infrastruktur zwischen den beiden Ländern hat sie als Ukrainierin in Österreich auf jeden Fall wahrgenommen. Für ein Schwimmbad oder Einkaufszentrum in der Qualität dieser in Kufstein muss man in der Ukraine weiterfahren, als nur in eine 17.000-Einwohner-Stadt.

Fliehen oder bleiben?

Für Masha war schnell klar, dass sie in Österreich bleiben, arbeiten und hier das „echte Leben“ kennen lernen will. Anfangs war es nicht einfach, einen Job zu finden. Denn „ein österreichisches Unternehmen muss davon überzeugt sein, dass du die Beste für die Stelle bist. Außerdem muss dir die Firma genug zahlen, damit du dein Visum bekommst“, weiß die Ukrainerin. Für ukrainische Flüchtlinge dürfte es zumindest temporär einfacher sein, eine Arbeit in Österreich zu finden. Laut dem ORF haben seit Anfang Mai rund 1.700 Geflohene eine aufrechte Beschäftigungsbewilligung und auch einen Job.

Die meisten Ukrainerinnen und Ukrainer fliehen nach Polen. Nach Schätzungen von Statista sind mit 29. Mai 2022 mehr als die Hälfte aller Geflohenen (3,6 Millionen) in deren Nachbarland geflüchtet. Masha konnte sich das aus zwei Gründen erklären. Zum einen ist Polen der Ukraine recht ähnlich. Zum anderen, und das war ihrer Meinung nach viel wichtiger, wollen die Menschen wieder zurück in ihr Heimatland. Sie mussten ihre Männer, Brüder und Söhne in der Ukraine zurücklassen und dort wollen sie wieder hin.

Mein Vater darf nicht flüchten und meine Mutter meinte, ohne ihren Mann geht sie auch nicht.

Mariya Buynova

Auch warum manche gar nicht flüchten, versteht die Wahlsalzburgerin. Ein Teil will ihr Land nicht aufgeben, es sich nicht wegnehmen lassen. Sie wollen dafür kämpfen, was ihnen gehört. Manche haben Angst. Sie sind bereits in Schock und Furcht und wissen auch nicht, was sie in einem anderen Land erwartet. Und der dritte Teil sind Männer zwischen 16 und 60 Jahren. Denn diese dürfen das Land nicht verlassen. So auch ihr Vater. Und Mashas Mutter will ohne ihn auch nicht flüchten.

Stärke, Geduld und Unterstützung

Egal ob noch im Land, auf der Flucht oder bereits in Sicherheit. Für die Menschen aus und in ihrem Heimatland wünscht sich Masha viel Stärke und Geduld. Ihr ist bewusst, dass der Wiederaufbau lange dauern wird. Dennoch glaubt sie an ihre Landsmänner und -frauen und ist dankbar für jede Hilfe aus den westlichen Staaten. Oberst des Generalstabes Markus Reisner sieht darin auch die einzige Chance der Ukrainerinnen und Ukrainer nach einer Kriegsanalyse. Im SN-Interview vom 2. Juni 2022 meinte er, dass die Ukraine dringend Artillerie braucht, um sich gegen Russland wehren zu können. Bleibt nur noch die Hoffnung, dass der russische Angriffskrieg bald zu Ende ist.